Pestizide: Mehr Forschung! Aber was? Wo? Wie?

In dieser Waldwiese sind die Bienen sicher vor Pflanzenschutzmitteln.

In dieser Waldwiese sind die Bienen sicher vor Pflanzenschutzmitteln.

Der Ruf nach mehr Forschung über Pestizide und Pflanzenschutz war kaum je so laut wie heute. Realität ist, dass die Gelder, welche für die öffentliche Forschung zur Verfügung stehen, laufend gekürzt werden. Hingegen steigt das Interesse von Industrie und Handel an der Finanzierung von Forschungsprojekten und Professuren an Hochschulen und landwirtschaftlichen Forschungsanstalten, z.B. unterstützt die fenaco Genossenschaft mittels Donation an die ETH Zürich Foundation die ETH-Professur für Molekulare Pflanzenzüchtung, siehe fenaco zeigt sich erfreut über die erfolgreiche Besetzung der ETH-Professur für molekulare Pflanzenzüchtung, fenaco, 27.5.16.

Im Rahmen des Aktionsplans zur Risikoreduktion und nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln, der bis zum 28.10.16 in der Vernehmlassung ist, fordern Industrie und Bauern, dass die Massnahmen wissenschaftlich begründet sein müssten. Grundsätzlich eine vernünftige Forderung. Doch verlangte etwa der Präsident des Schweizer Bauernverbands und Biobauer, Markus Ritter, schon Anfang 2014 in einem Interview des Schweizer Fernsehens hieb- und stichfeste Beweise betreffend Schädlichkeit von Pestiziden, bevor die Bauern deren Einsatz reduzieren müssten. Es gebe nur „Vermutungen“. Ritter möchte aber klar wissen, welches Mittel genau welche Schädigungen bei welchen Kleinlebewesen wie etwa den Bienen hervorrufe, Weniger spritzen bei gleicher Ernte – geht das? SRF vom 22.1.14. Nebenbei gesagt, wieso eigentlich nicht umgekehrt? Industrie bzw. Anwender sollen beweisen, dass ein Produkt kein Risiko darstellt, meint Heidi.

Pflanzenschutzmittel müssen töten!

Der Zweck von Pflanzenschutzmitteln ist: Töten! Der Pilz, Käfer, Fadenwurm, die Unkräuter … alles, was die Kulturpflanze schädigt, muss weg! Ein Mittel wirkt meist gegen mehrere Schädlinge. Ist es daher erstaunlich, dass viele Mittel auch Nicht-Zielorganismen treffen, besonders solche, die dem Schädling ähnlich sind?

Heidi empfiehlt immer wieder das Blättern im Pflanzenschutzmittelverzeichnis des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW). Das ist ausgesprochen interessant. Darin stösst man laufend auf nicht unbedingt beruhigende Eigenschaften von Pflanzenschutzmitteln. Ziemlich häufig anzutreffen ist „H410 sehr giftig für Wasserorganismen mit langfristiger Wirkung“. Immer wieder ist zu lesen „H318 Verursacht schwere Augenschäden“, „H351 Kann vermutlich Krebs erzeugen“, „H361f Kann vermutlich die Fruchtbarkeit beeinträchtigen“, „H361d Kann vermutlich das Kind im Mutterleib schädigen“ usw.

Viele Produkte mit solchen Gefahrenkennzeichnungen sind auch für die Luftapplikation zugelassen, wo das Abdrift-Problem besonders gross ist und die Präzision beim Ausbringen besonders klein. Die Hinweise auf Gefahren stammen nicht etwa von radikalen Umweltschutzorganisationen, sondern sie wurden mehrheitlich den (geheimen) Zulassungsunterlagen der Hersteller entnommen bzw. von der EU übernommen. Viele unserer Gewässern sind „reich“ an PSM, Über 100 Pestizide in Fliessgewässern, Aqua & Gas Nr. 3, 2014. Wie’s mit dem Boden steht, darüber weiss man wenig.

Grenzen der Wissenschaft respektieren

Sind die fiktiven Pflanzenschutzmittel No Problem 1 … No Problem x wirklich harmlos? Für einen wissenschaftlichen Beweis der Schädlichkeit, wie ihn Markus Ritter fordert, sind unzählige Faktoren und Kombinationen zu untersuchen.

Wirkung von No Problem 1 auf einen Nicht-Zielorganismus, NZ1:

  • Wirkstoff, einzelne Formulierungen und Abbauprodukte
  • Kurz- und Langzeitwirkung
  • Wirkung auf NZ1 und seine Population
  • Auswirkungen auf betroffene Ökosysteme

Wirkung von No Problem 1 auf einen zweiten Nicht-Zielorganismus, NZ2:

  • -do-

Wirkung von No Problem 1 auf den x-ten Nicht-Zielorganismus, NZx:

  • -do-

Wirkung von No Problem 1 auf den Menschen:

  • Wirkstoff, einzelne Formulierungen und Abbauprodukte
  • Kurz- und Langzeitwirkung
  • Kosten Gesundheitswesen
  • Leid der Betroffenen und Ihrer Familien

Wirkung von mehreren Pflanzenschutzmitteln auf einen Nicht-Zielorganismus, NZ1; häufiges Problem im Wasser (Pestizid-Cocktail) und Boden:

  • Was geschieht, wenn No Problem 1 und ein weiteres PSM zusammenkommen? No Problem 2? Wirkstoffe? Formulierungen? Abbauprodukte? Kurzzeit? Langzeit? Population? Ökosystem? Gesundheitskosten? Leid?
  • Was geschieht, wenn No Problem 1 und zwei weitere PSM zusammenkommen? No Problem 2 und No Problem 3? Wirkstoffe? Formulierungen? Abbauprodukte? Kurzzeit? Langzeit? Population? Ökosystem? Gesundheitskosten? Leid?
  • ….
  • Was geschieht, wenn No Problem 1 und x weitere PSM zusammenkommen? No Problem 2, No Problem 3No Problem x? Wirkstoff? Formulierungen? Abbauprodkte? Kurzzeit? Langzeit? Population? Ökosystem? Gesundheitskosten? Leid?

Liebe LeserInnen, Heidi hat die Wirkstoffe und die Produkte im Pflanzenschutzmittelverzeichnis nicht gezählt. Doch glauben Sie ihr: Es sind viele! Sie hat auch nicht ausgerechnet wie viele aufwändige Untersuchungen notwendig wären, um den wissenschaftlichen Beweis der Schädlichkeit nur schon für ein einziges PSM systematisch zu ermitteln; dies selbst dann, wenn beim Entdecken einer schweren Schädigung eines Organismus keine weiteren Organismen mehr untersucht würden.

Und wer beherrscht die Kunst der Statistik für diese Forschung? Und wer schreibt ein vernünftiges Computer-Programm für die Auswertung? Wer kann die Resultate interpretieren? Erschwerend kommt hinzu, dass laufend neue PSM zugelassen und alte gestrichen werden.

Mit „Unschärfe“ vorsorgen

Die Welt der Pestizide ist so nicht exakt wissenschaftlich fassbar. Bewiesen wurde aber mannigfach, dass PSM auch Nicht-Zielorganismus schädigen können. Beim Menschen ist eine zuverlässige Aussage über Gesundheitsschäden schwierig, Experimente sind nicht möglich.

Wenn es um die Lösung von Umweltproblemen geht, dann müssen andere Massstäbe und Ansätze gelten: Unschärfe, Logik, Denken, Vorsorgen, Voraussicht … Man muss den Mut haben, vom Einzelergebnis, z.B. Forschung auf molekularer Ebene, auf weitere Auswirkungen zu schliessen. Es stellen sich Fragen wie: Könnte es sein, dass ein Produkt, das zum Töten eines bestimmten Organismus entwickelt wurde, auch Verwandte tötet? Ist es vernünftig, Stoffe, welche wie Hormone wirken, in die Umwelt zu bringen? Wollen wir all diese Gifte oder gibt es andere Lösungen, bessere Lösungen? …

Der Ruf nach wissenschaftlicher Begründung von Massnahmen lenkt von den Problemen ab. Es ist eine Marketingstrategie mit dem Ziel, Zeit zu gewinnen. Es ist eine List. Die Last tragen wir alle.

Mehr öffentliche Forschung – frei von Sponsoring – ist dringend nötig mit dem Ziel, so rasch als möglich den Giftschrank zu entrümpeln, um Wasser, Boden, Luft und Lebewesen zu schützen.

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