Fortschritt Mähtechnik: Von der Effizienz des Tötens von Kleinlebewesen

Im Gegensatz zum Mähen mit Fadenmähern und Tellersensen überleben beim Mähen mit der Sense sehr viel mehr Kleintiere diesen Eingriff, und auch die Pflanzen werden schonend geschnitten und nicht abgerissen. Foto: Heidi, Text: WWF, Naturschonende Umgebungspflege mit der Sense.

Im Gegensatz zum Mähen mit Fadenmähern und Tellersensen überleben beim Mähen mit der Sense sehr viel mehr Kleintiere diesen Eingriff, und auch die Pflanzen werden schonend geschnitten und nicht abgerissen. Foto: Heidi, Text: WWF, Naturschonende Umgebungspflege mit der Sense.

Leserbrief: Vor zwei Tagen musste ich weinend nach Hause; zu dritt in einem Monstertempo haben die Bauern gemäht; auf der heissen Strasse noch ein einzelner Heugümper, der sich gerettet hatte. Was nützt mir die Biodiversität auf dem Balkon, wenn  „meine“ Insekten unten auf den Wiesen zu Tode gemäht werden? Gemäht wird häufig mit Monster-/Turbo-Mähmaschinen: bei Bauern alle 4 Wochen, bei Liegenschaftsverwaltungen alle 2 Wochen.

Einfluss der Mähtechnik auf die Artenvielfalt

Wenn es um den Verlust an Biodiversität in der Landwirtschaft geht, dann werden meist nur die Pestizide und der Stickstoffeintrag aufgeführt. In Wiesen hat die Mähtechnik einen wesentlichen Einfluss auf das Überleben der Fauna. Im Siedlungsgebiet wird v.a. über Lärm und Rasenroboter diskutiert.

Zitat aus der Homepage der „Sensengruppe“: „Früher wurden die Wiesen mit der Sense gemäht, um Futter für die Tiere zu gewinnen. Dann wurde der Balkenmäher entwickelt, damit konnte ein Einzelner in kurzer Zeit eine grosse Fläche mähen. Für die Biodiversität der Wiese war diese Entwicklung keine grosse Beeinträchtigung, das Schnittgut liess man trocknen, die verschiedenen Gräser und Kräuter konnten sich versamen und die meisten Insekten und Kleintiere überlebten.

Heute bewegen sich riesenhafte Maschinen über monotone Futtergraswiesen – in wenigen Jahren vermutlich GPS-gesteuert und selbstfahrend – und spucken hinten weiss verpackte Siloballen aus mit allem drin, was vorher noch auf der Wiese herumhüpfte. Den ökonomischen Gewinn bezahlt die ursprüngliche Biodiversität.“

Schutz der Bienen

Die landwirtschaftliche Forschungsanstalt in Tänikon (TG) untersuchte schon in den 1990er Jahren den Einfluss des Mähens auf das Überleben der Bienen und formulierte Empfehlungen für die Praxis. Den grössten Einfluss auf die Bienenverluste hat der Aufbereiter. Rotationsmähwerke ohne integrierten Aufbereiter verursachen praktisch keine Verluste an toten und verletzten Bienen. Die Autoren der Studie beurteilen die von ihnen formulierten Empfehlungen zur Vermeidung von Schäden in grösserem Ausmass an Bienen als zumutbare Einschränkung für die Bauern.

Merkblatt agridea: Erntetechnik und Artenvielfalt in Wiesen

Agridea hat in Zusamenarbeit mit den landwirtschaftlichen Forschungsanstalten 2011 ein Merkblatt verfasst mit dem Ziel, die Schäden durch die Ernte zu senken. Zitat: „Die Schlagkraft der heutigen Mechanisierung ist hoch. Mit Rotationsmähwerken und Mähaufbereitern können grosse Flächen innert kurzer Zeit geschnitten werden. Kreiselmäher mit Aufbereiter kommen vermehrt auch im Berggebiet zum Einsatz. Nachfolgende Ernteschritte, wie z. B. zetten, schwaden, aufladen oder ballen, werden ebenfalls mit grossen schweren Geräten durchgeführt. Nun liegen neue Erkenntnisse zu den direkten Auswirkungen der modernen Erntetechnik vor.“ Diese werden dazu verwendet, Empfehlungen zur Schonung von Kleintieren abzugeben.

Besonders schädlich sind die Schlegelmulchgeräte, die in im Obst- und Weinbau, in Wiesen und bei der „Pflege“ von Strassenrändern, Böschungen usw. eingesetzt werden. Es werden vor allem Tiere in der Krautschicht, aber auch Tiere in Bodennähe angesaugt. Werden sie von Schlegelmulchgeräten erfasst, haben sie keine Chance zu überleben. Die Verluste betragen 35 bis 100 %. Auch Rotationsmähwerke mit Aufbereiten töten viele Kleinlebewesen.

Wiesenpflege im Siedlungsraum mit der Sense

Die perfektionierte Mechanisierung, die in der Intensivlandwirtschaft ökonomisch notwendig zu sein scheint, muss auf den Grünflächen im Siedlungsraum nicht zwingend, in kleinerem Massstab, ihre Fortsetzung finden. Die „Sensengruppe“ findet, dass im Siedlungsraum Unterhaltsarbeiten mit der Sense einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung und Förderung der Biodiversität leisten können.

Die Sensengruppe wurde anlässlich eines Sensenkurses vom 1.7.13 auf dem Quartierhof Wynegg in Zürich gegründet. Ihre aktuellen Einsatzgebiete sind im Menu der Homepage „Sensengruppe“ unter Projekte beschrieben. Eine Ausweitung der Tätigkeit auf weitere Gebiete ist vorderhand aufgrund der Kapazität der Mitglieder nur beschränkt möglich. Dies ist aber erwünscht und kann schrittweise mit zunehmender Mitgliederzahl erfolgen.

Petition «Naturschutz statt Naturputz»

Am 4.2.19 wurde der Gemeinde Horgen die Petition «Naturschutz statt Naturputz» übergeben. Die Petition bezweckt die Förderung der Artenvielfalt in Horgen-Hirzel.

  • Die Gemeinde muss Vorbild sein. Sie trägt die Verantwortung für eine naturnahe Pflege der gemeindeeigenen Grünflächen.
  • Wir fordern naturnahe Pflegemassnahmen zur richtigen Zeit nach einem Pflegeplan.
  • Die mit der Pflege betrauten Personen müssen für den naturnahem Unterhalt ausgebildet sein.

Immer wieder werden Wiesenflächen, Krautsäume an Wegrändern, Bachgehölze und Hecken vom Strasseninspektorat oder von beauftragten Gartenbaufirmen zum falschen Zeitpunkt gemäht oder massiv zurückgestutzt. Für die Erhaltung der Artenvielfalt ist es wichtig, dass diese Flächen in den Sommermonaten als Rückzugsorte und Nahrungsgrundlage für verschiedene Tiere stehengelassen werden.

Von Sensen, Dengelhämmern und Arbeitsgesängen

Hansjörg von Känel redet von der Ruhe des Mähens mit der Sense.

Hansjörg von Känel redet von der Ruhe des Mähens mit der Sense.

Er prägt die Schweizer Wildheuwirtschaft ebenso wie den Schwendfeldbau im östlichen Himalaya: Der Steilhang. Der Arbeit im abschüssigen Gelände widmet sich eine Ausstellung im Völkerkundemuseum der Universität Zürich (bis 19.1.20). Präsentiert werden Geräte und Klanglandschaften, die von einer gefährlichen, anspruchsvollen und zugleich faszinierenden Lebenswelt erzählen.

An der Veranstaltung vom 21.7.19 ZuHören im Steilhang und Mähen mit Sense erklärte Hansjörg von Känel aus Gunzwil (LU) alles rund ums Mähen mit der Sense. Das gleichmässige Mähen mit einer gutgeschliffenen Sense sei leicht und beruhigend, so dass diese Tätigkeit auch bei gestressten Leuten oder solchen mit Burnout gefragt sei, erzählte Hansjörg.

Artenvielfalt fördern

Im Zeitalter von Effizienz, Geldhunger und Wachstum werden v.a. die kleinen Lebewesen „übersehen“. Kaum ein Heugümper flieht mehr vor dem Schuh mit dem wir eine Wiese betreten. So muss es nicht sein! Mit einigen Massnahmen kann das Massentöten wenigstens reduziert werden.

Der technische Fortschritt ist ein Biodiversitäts-Rückschritt.

Mähtechnik und Artenvielfalt, Merkblatt agridea

Bienenverluste beim Mähen mit Rotationsmähwerken, Agrarforschung 8 (5): 196-201, 2001

„Sensengruppe“

Naturschonende Umgebungspflege mit der Sense, Dokumentation WWF

Lebensraum Burghölzli, WWF-Projekt

Biodiversität: Das Wichtigste in Kürze, Bundesamt für Umwelt (BAFU)

Von Sensen, Dengelhämmern und Arbeitsgesängen, Ausstellung im Völkerkundmuseum Zürich

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3 Antworten to “Fortschritt Mähtechnik: Von der Effizienz des Tötens von Kleinlebewesen”

  1. osmerus Says:

    Hat dies auf Osmerus' Blog rebloggt und kommentierte:
    Es kann gar nicht oft genug gesagt werden.

  2. Dobler Gross Christine Says:

    Liebe Heidi
    Einen schönen und wichtigen Blog zum Thema Unterhalt hast du zusammengestellt, herzlichen Dank, hat uns sehr gefreut, dass du uns von der Sensengruppe zitierst! Wir sensen weiter, mit Freude, Freunden und mit viel Zuspruch, derweil sich die Menschen an ein neues Bild von Wiesen gewöhnen müssen, denn es kann schon einmal passieren, dass nach unserer Sensenarbeit jemand mit dem Fadenmäher „nachgebessert“ hat, weil es zu wenig ordentlich aussah. Herzliche Grüsse Christine, Sensengruppe ZH

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