Bauern verhindern Trinkwasserschutz: 20-Jahr-Jubiläum

Nur in der Grundwasserschutzzone S1 dürfen keine Pestizide eingesetzt werden. Diese misst lediglich 10 m.

Nur in der Grundwasserschutzzone S1 dürfen keine Pestizide eingesetzt werden. Diese misst lediglich 10 m.

In den Jahren 1988/89 wurden über 17’000 Grundwasserproben auf 80 chemisch-synthetische Pflanzenschutz(PSM)-Wirkstoffe untersucht. In mehr als einem Drittel fand man PSM-Wirkstoffe. Bei einigen Wirkstoffen und Abbauprodukten überschritten die Werte den Anforderungswert für Grundwasser und den Toleranzwert für Trinkwasser.

Kurierend bzw. im Sinne des Vorsorgeprinzips gemäss Gewässerschutzgesetz wurde 1999 ein Verbot für den Einsatz von Gülle und Pestiziden in der Grundwasserschutzzone S2 erlassen. Diese Bestimmung hatte zum Zweck, für die Landwirtschaft gleichwertige Nutzungsbeschränkungen in der Zone S2 zu erlassen, wie sie für andere Akteure wie Bauwirtschaft und Gewerbe in dieser Zone gelten.

Konnte sich die Landwirtschaft mit dem Gülleverbot abfinden, so widersetzte sie sich dem Verbot der Anwendung von Pestiziden vehement.

Bauernprotest verhindert PSM-Verbot in der Grundwasserschutzzone S2

Aufgrund des Widerstands der Landwirtschaft setzte der Bundesrat das Anwendungsverbot von Pestiziden in der Grundwasserschutzzone S2 bis Ende 2000 aus. Er beauftragte das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL/heute BAFU) in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) bis dann alle in der Schweiz zugelassenen Wirkstoffe im Hinblick auf ihre Mobilität und Abbaubarkeit sowie auf deren Anwendbarkeit in der Zone S2 zu bewerten. Daraus dürfte, so vermutet Heidi, die ominöse Liste Anwendungsverbote für Pflanzenschutzmittel in der Grundwasserschutzzonen S2 bzw. S2 und Sh des BLW entstanden sein. Vor sieben Jahren waren es elf Wirkstoffe, heute sind es 26, also mehr als das Doppelte.

Ein allgemeines Verbot in der S2 gibt es bis heute nicht, obwohl ein solches 2001 nach der gründlichen Bewertung erneut als zweckmässig erachtete wurde.

Die „Erlaubnis“, Pestizide in der Grundwasserschutzzone S2 einzusetzen, ist eigentlich ein Verstoss gegen das Gewässerschutzgesetz. Von verschiedenen Seiten wird ein Verbot beharrlich gefordert, u.a. von den betroffenen Trinkwasserversorgern.

Verbot nötig und verhältnismässig

Vieles was heute rund um Pestizide und deren Zulassung heftig diskutiert wird, ist in der Publikation Keine Pflanzenschutzmittel im Trinkwasser, gwa 12/2001, Schweizerischer Verein des Gas- und Wasserfachs bereits zu finden. Die darin enthaltenen Informationen zeigen, dass ein allgemeines Verbot von PSM in der Grundwasserschutzzone S2 nötig und auch verhältnismässig ist.

Zitate aus der Publikation gwa 12/2001:

  • Die Zone S2 umgibt die Trinkwasserfassungen als entscheidende Sicherheitszone: Die menschlichen Aktivitäten sind hier stark eingeschränkt. Innerhalb dieser Zone benötigt das versickernde Wasser weniger als zehn Tage, um zur Trinkwasserfassung zu gelangen.
  • Das Ausbringen von Gülle etwa kann zu mikrobiellen Belastungen führen. Nitratbelastungen sind vorwiegend auf Hof- und andere Dünger zurückzuführen.
  • Entgegen der landläufigen Vorstellung versickert Niederschlagswasser – und mit ihm die Verunreinigungen – im Boden nicht ausschliesslich gleichmässig und kontinuierlich, sondern gelangt teilweise über Makroporen wie Wurzel- und Wurmgänge oder Trockenrisse direkt ins Grundwasser. Dabei werden Schmutzstoffe weder vom Boden zurückgehalten, noch reicht die Zeit für einen chemischen oder biologischen Abbau aus. Ob Gülle, Dünger oder PSM – ein erheblicher Teil der ausgebrachten Stoffe kann auf diese Weise direkt ins Grundwasser gelangen.
  • Die Grundwasseranalysen 1988/89 zeigten: Bei einigen Wirkstoffen beziehungsweise Abbauprodukten überschritten die gemessenen Werte die Anforderungen für Grundwasser (0,1 μg/l) bzw. den schweizerischen Trinkwassertoleranzwert (0,1 μg/l).
  • Tatsächlich weisen jedoch verschiedene Wirkstoffe bereits in dieser Konzentration eine toxische Wirkung auf. Für solche Stoffe müssen die Anforderungen noch strenger angesetzt werden. Bei der Festlegung solcher Werte wird der Wirkstoff allerdings isoliert betrachtet. Notwendig wäre eine Gesamtbetrachtung, bei welcher additive und synergistische Effekte mit anderen Wirkstoffen sowie Additiven, Düngersubstanzen, Lösungsmitteln und Schwermetallen berücksichtigt würden.
  • Nur knapp ein Drittel der in der Schweiz zugelassenen Wirkstoffe kann überhaupt routinemässig analysiert werden. Selbst davon sind die wenigsten in systematische Überwachungsprogramme aufgenommen.
  • Schliesslich beeinträchtigen PSM die biochemischen Prozesse im Untergrund und verändern damit unter anderem die Selbstreinigungskapazität des Grundwassers.
  • Die betroffenen Flächen (Zonen S2) machen maximal ein halbes Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche des Kantons Bern aus.
  • Die Beurteilung und Bewertung der Pflanzenschutzwirkstoffe erfolgte aufgrund von Informationen, die zu jedem Wirkstoff in einer Datenbank erfasst und in Form eines Fact-Sheets dargestellt wurden. Als Basis dienten Literaturrecherchen sowie Angaben des BLW. Erstaunlicherweise waren vom zuständigen Bundesamt nur gerade zu einem Viertel aller Wirkstoffe entsprechende Angaben erhältlich.
  • PSM gehören nicht ins Grundwasser.
  • Wenn ein Wirkstoff wiederholt im Grundwasser nachgewiesen wurde, zeigt die Praxis, dass er einerseits mobil ist und andererseits nicht genügend schnell abgebaut wird und deshalb ins Trinkwasser gelangen kann. Die Anwendung in unmittelbarer Nähe einer Trinkwasserfassung ist somit äusserst fragwürdig. Wurde nach dem Wirkstoff jedoch gar nie gesucht, kann nicht ausgeschlossen werden, dass er bei der Anwendung in der Zone S2 in eine Fassung gelangen kann, und wird daher als sehr problematisch angesehen.
  • An die Zulassung von Wirkstoffen ist die Anforderung zu stellen, dass sie routinemässig nachgewiesen und so in generellen Überwachungsprogrammen erfasst werden können. Ist dies nicht der Fall, sollte ein Wirkstoff grundsätzlich nicht zugelassen, sicher aber nicht in unmittelbarer Nähe von Trinkwasserfassungen eingesetzt werden.
  • Für jeden Wirkstoff müssen die Abbauprodukte (Metaboliten) bekannt und ebenfalls routinemässig analysierbar sein. Die Abbauprodukte dürfen zudem auf keinen Fall problematischer sein als der ursprüngliche Wirkstoff.
  • Erkenntnisse zum Gefährdungspotenzial von PSM könnten auch aus den Angaben zu den tatsächlich eingesetzten Mengen an Wirkstoffen gewonnen werden. Wirkstoff- und standortspezifische Angaben dazu sind aber für die Schweiz weder von den beteiligten Branchen (Industrie oder Handel) noch von den zuständigen Behörden in Erfahrung zu bringen. Zumindest bei den Landwirtschaftsbehörden müssten diese Informationen vorhanden sein, verlangen doch die Vorschriften zum ökologischen Leistungsnachweis eine exakte Buchhaltung über die eingesetzten Wirkstoffe. Die fehlende Kenntnis über die Einsatzmengen und -orte der einzelnen Wirkstoffe erschwert oder verunmöglicht gar die gezielte und effiziente Überwachung von PSM im Grundwasser.
  • Für 162 von 352 bewerteten und in der Schweiz zugelassenen PSM ist die Datenlage derart lückenhaft, dass eine abschliessende Beurteilung nicht möglich ist. Noch mehr, nämlich 184 Stoffe, sind auf Grund der Gesamtbewertung für eine Anwendung in der Zone S2 nicht geeignet.
  • Bei der Informationsbeschaffung hat sich gezeigt, dass für zahlreiche organisch-synthetische Wirkstoffe grundlegende Daten zu deren Eigenschaften und dem Umweltverhalten fehlen oder nicht zugänglich sind. Informationen über das Umweltverhalten, welche im Rahmen der Zulassungsbewilligung oder bei der Neubeurteilung der einzelnen Wirkstoffe zusammengestellt, aktualisiert und validiert werden, müssten jedoch allgemein zugänglich sein. Ist dies nicht der Fall oder sind die notwendigen Informationen zu den Umwelteigenschaften gar nicht vorhanden, müssten Wirkstoffe vom Markt genommen werden.
  • Das Totalverbot für den Einsatz von PSM in der Zone S2, ursprünglich als pragmatischer Ansatz gewählt, erweist sich auf Grund der detaillierten Bewertung nach wie vor als zweckmässig und, angesichts der limitierten betroffenen landwirtschaftlichen Nutzfläche, auch als verhältnismässig. Dies gilt umsomehr, als die Landwirtschaftspolitik Instrumente anbietet, welche gewährleisten, dass diese wenigen Flächen auch ohne den Einsatz biozider Mittel wirtschaftlich genutzt werden können.
  • Die Qualitätssicherung des Lebensmittels Trinkwasser erfordert eine stetige Überwachung. Eine wichtige Voraussetzung, dass diese Überwachung effizient und zielgerichtet erfolgen kann, ist die Kenntnis der im Zuströmbereich einer Trinkwasserfassung tatsächlich eingesetzten Wirkstoffe. Aufgrund der Buchführung im Zusammenhang mit dem ökologischen Leistungsnachweis könnten diese Informationen ohne grossen Aufwand erschlossen werden. Die Resultate aus der Überwachung von Grund- und Trinkwasserqualität sowie neue wissenschaftliche Erkenntnisse müssen in der Praxis des Gewässerschutzes in Zukunft unbedingt besser berücksichtigt werden. Dies erfordert auch eine periodische Neubeurteilung der Wirkstoffe.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich wenig grundsätzlich verändert. Und noch immer gibt es einen starken Widerstand gegen wirksame Massnahmen zum Schutze des Grund- und Trinkwassers. Es ist das Verdienst der zwei Pestizid-Volksinitiativen, dass die Fakten endlich auf den Tisch kommen und die Misstände breit diskutiert werden.

Aus den Erfahrungen lernen!

Schon zu häufig stuften die Behörden Pestizide falsch ein, kamen negative Auswirkungen erst nach Jahren oder gar Jahrzehnten zum Vorschein. Die Verschmutzung des Grundwassers mit PSM war auch z.B. 2006 gross, siehe nachfolgend Graphik.

 

Heidi meint: 20 Jahre Missachtung des Vorsorgeprinzips sind genug! Ein allgemeines Pestizidverbot für die Grundwasserschutzzone S2 ist überfällig, und zwar sofort, denn die Pestizidinitiativen sehen eine lange Übergangsfrist vor.

 

Bundesrat gewichtet Freiheit der Bauern höher als Trinkwasserqualität, Heidis Mist 6.2.13

Keine Pflanzenschutzmittel im Trinkwasser, gwa 12/2001, Schweizerischer Verein des Gas- und Wasserfachs

SVGW fordert Verbot von Pestiziden in der Grundwasserschutzzone S2, Heidis Mist 29.5.14

Keine Pestizide in der Grundwasserschutzzone S2, Heidis Mist 7.4.15

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