Haciendas Bio Almeria: Ausbeuterische Arbeitbedingungen, Gesetzesverstösse und Hungerlöhne

Immer wieder berichten Medien über die miserablen Arbeitbedingungen und die nicht eingehaltenen Mindestlöhne, Gesetze und Vorschriften in Almeria. Wer in den Läden die Herkunfts-. und Preisschilder von Gemüse und Früchten studiert, sieht wie sehr wir von Missständen in Südspanien profitieren. Dank breiter Unterstützung u.a. auch von Bio Suisse und einem Importstopp durch COOP konnte 2011 ein Arbeitskonflikt zwischen marokanischen Landarbeiterinnen und der Biosol Portocarrero beigelegt werden. Aber grundsätzlich hat sich seither wenig geändert.

Zum Beispiel baten am Freitag, 20.3.20, Beschäftigte der Haciendas Bio ihren Vorgesetzen um Masken und Handschuhe zum Schutz vor dem Corona-Virus. Am darauffolgenden Montag antwortete er ihnen, dass er ein Minimum an Schutz gewähren würde. Gleichentags verwehrte er ihnen den Zugang zu ihren Arbeitspläzen. In Spanien sind bereits 130’000 Personen infiziert, Corona hat 12’000 Tote gefordert und Spaniens Regierungschef fordert die EU zur Organisation von „Kriegswirtschaft“ auf.

Auch Bio-Betriebe nützen die ArbeiterInnen aus. Die Gewerkschaft SOC-SAT (Sindicato de obreros del campo/Sindicato Andaluz de Trabajadores) schreibt zum soeben untersuchten Fall Haciendas Bio: „Es ist nicht hinnehmbar, dass Bio Suisse nicht klar gegen prekäre Arbeitsbedingungen in zertifizierten Betrieben im Ausland Stellung bezieht und Arbeitsbedingungen toleriert, die auf der „Versklavung“ und schamlosen Ausbeutung von Arbeitskräften aus Nordafrika und der Subsahara beruhen.“

Am 24.3.20 hat Haciendas Bio auf Entlassung und Einschüchterung zurückgegriffen, um die Wahl von GewerkschaftsvertreternInnen zu verhindern. Mehr als 20 ArbeiterInnen wurden entlassen.

Aktuell kämpft die SOC-SAT gegen zahlreiche Misstände bei der Haciendas Bio. Die Vermittlungsbemühungen scheiterten. Nun schrieb SOC-SAT einen Brief an mehrere Bio-Organisationen (Bio Suisse, Naturland, Demeter usw.) und forderte sie auf, für die Einhaltung des Rechts und der Zertifizierungsvorgaben zu sorgen. Heidis Mist hat den Brief (englische Version PDF 1,13 MB und französische Version PDF 1 MB) mittels DeepL-Übersetzungsprogramm ins Deutsche übertragen.

Die SAT erhielt 2015 den Paul-Grüninger-Preis für Menschlichkeit für ihren Einsatz für jene Menschen, «die weitgehend rechtlos und unter skandalösen sozialen wie hygienischen Bedingungen das frische und billige Gemüse ernten, das wir im Winter auch in den Schweizer Läden kaufen können».

Brief von SOC-SAT an Bio-Organisationen

Sehr geehrte Damen und Herren

Soc Sat Almeria, eine Arbeitergewerkschaft mit Sitz in Andalusien, möchte Ihre Zertifizierungsstelle über eine Reihe von Verstössen auf der Farm „Haciendas Bio“ mit Sitz in Pujaire, Cabo de Gata, Almeria (Provinz Andalusien) informieren. Sie werden feststellen können, dass diese Verstösse nicht nur gegen die nationale und internationale Gesetzgebung über Arbeitnehmerrechte verstossen, sondern auch gegen die Normen, Anforderungen und Werte, die durch Ihre Zertifizierungen vorgegeben und in Ihren Spezifikationen festgelegt sind. Wie Sie wissen, sorgt unsere Gewerkschaft so weit wie möglich dafür, dass die sozialen und ethischen Normen Ihrer Zertifizierungen eingehalten werden. Nachstehend finden Sie die Liste der von „Haciendas Bio“ begangenen Verstösse. Diese Analyse basiert auf den Aussagen von mehr als 45 Mitarbeitern des Unternehmens.

Chronologie der Ereignisse:

Anfang Februar 2020 reisten mehr als 20 Beschäftigte von „Haciendas Bio“ zur Gewerkschaft Soc Sat, um uns über ihre Arbeitsbedingungen zu informieren. Angesichts der Schwere der von den Arbeitnehmern beschriebenen Missstände beschliessen wir, uns mit dem Unternehmen in Verbindung zu setzen. Wir befürworten wie immer den Dialog und die Zusammenarbeit und laden das Unternehmen ein, sich auf Verhandlungen einzulassen.

Die von diesen Arbeitnehmern angeprangerten Verstösse sind in der Tat Zuwiderhandlungen gegen das Arbeitsrecht, den Tarifvertrag für den Agrarsektor und die Vorgaben der Zertifizierungsstellen.

So hat die Gewerkschaft am 19.2.20 einen eingeschriebenen Brief an das Unternehmen geschickt, in dem sie es über schwere Verletzungen der Arbeitnehmerrechte in ihrem Betrieb informiert.

Am 21. Februar 2020 informiert die Gewerkschaft das Unternehmen über die bevorstehenden Berufs-/Gewerkschaftswahlen.

9. März 2020: Da das Unternehmens nicht reagierte, trotz zahlreicher Aufrufe, informiert die Gewerkschaft über einen Streikaufruf. Für den 19. März 2020 wird eine von den Behörden beschlossene Schlichtungsverhandlung vorgesehen.

19. März 2020: Ein Schlichtungsversuch findet über den öffentlichen Vermittlungsdienst „Sercla“ (Sistema Extrajudicial de Resolución de Conflictos Laborales de Andalucia/Aussergerichtliches Stelle zur Beilegung von Arbeitskonflikten in Andalusien) statt.

Bei diesem Treffen bestätigt die Gewerkschaft dem Unternehmen gegenüber erneut, dass die Beschäftigten im Falle eines Verzichts auf Verhandlungen gezwungen sind zu streiken. Auf April wird ein weiteres Schlichtungstreffen geplant, und als Geste des guten Willens schlägt die Gewerkschaft vor, das Datum des Streikaufrufs bis zum 17. April 2020 aufzuschieben.

20. März 2020: Mitten in der Coronavirus-Pandemie bitten die Beschäftigten ihren Vorgesetzten/Manager, ihnen ein Minimum an Schutz (Masken, Handschuhe) zu gewähren. Der Manager antwortet, dass er ihnen am folgenden Montag einen solchen Schutz gewähren würde.

23. März 2020: Derselbe Vorgesetzte/Manager verwehrt diesen sieben Mitarbeitern den Zugang zu ihrem Arbeitsplatz.

24. März 2020, am Morgen: Gemäss dem Wahlverfahren kam die Gewerkschaft in den Betrieb, um die zukünftigen Gewerkschaftswahlen zu organisieren und zukünftige Kandidaten zu nominieren. Es sei darauf hingewiesen, dass das Unternehmen über diesen Schritt umfassend informiert worden war. Am selben Tag stellen die Beschäftigten jedoch fest, dass die Türen geschlossen sind. Dann erscheint der Manager und informiert die Beschäftigten über ihre Entlassung.

Bis heute hat die Gewerkschaft nichts vom Unternehmen gehört.

Leider hat „Haciendas Bio“ keine Änderungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen seiner Mitarbeiter vorgenommen. Dies trotz unserer zahlreichen Mahnungen, unserer Schlichtungsaktionen über den offiziellen öffentlichen Schlichtungsdienst, unserer zahlreichen Telefongespräche mit der Personalabteilung und dem Rechtsberater des Unternehmens.

Nachfolgend die Liste der vom Unternehmen begangenen Straftaten:

  • Die Mehrheit der Arbeitnehmer hat einen betrügerischen Vertrag. Tatsächlich haben die meisten von ihnen zeitlich befristete Verträge, obwohl sie viele Jahre im Unternehmen sind.
  • Das Unternehmen zahlt keine Überstunden und meldet diese nicht bei der Sozialversicherung.
  • Das Unternehmen zahlt nicht auf der Grundlage des gesetzlichen Mindestlohns in Spanien. Derzeit beträgt dieser 58,24 Euro für 8 Stunden Arbeit. Das Unternehmen zahlt derzeit lediglich 5,70 Euro pro Stunde.
  • Das Unternehmen erlaubt den Arbeitnehmern nicht, ihre obligatorische 20-minütige Pause zu nutzen.
  • Das Unternehmen bezahlt seine Mitarbeiter zwischen dem 12. und 15. eines jeden Monats. Dies führt zu ernsthaften Problemen für die Beschäftigten, da einige von ihnen zu Beginn des Monats Kreditkosten oder einfach ihre Miete, Wasser-, Gas- oder Stromrechnungen bezahlen müssen.
  • Das Unternehmen zahlt die monatliche Fahrkostenpauschale nicht, die 0,19 Euro pro Kilometer beträgt.
  • Das Unternehmen setzt Pflanzenschutzmittel ein, währenddem die Arbeiterinnen und Arbeiter ohne jegliche Schutzmassnahmen in den Gewächshäusern sind.
  • Das Unternehmen verpflichtet die Arbeitnehmer zur Unterzeichnung eines Dokuments in dem sie bestätigen, dass sie ihre persönliche Schutzausrüstung erhalten haben. In Wirklichkeit aber wurde ihnen jedoch keine solche ausgehändigt.
  • Die Kantine verfügt weder über die notwendigen sanitären Einrichtungen für das Wohlergehen der Arbeiter noch über genügend Platz für das gesamte Personal.
  • Nur das Büropersonal hat Zugang zu den Toiletten.
  • Das Unternehmen stellt nicht die notwendigen Werkzeuge zur Verfügung: Die Schneidemesser müssen von den Arbeitern gekauft werden.
  • Auch wurde nicht allen langjährigen Arbeitnehmern eine medizinische Untersuchung ermöglicht.
  • Es herrscht ein Klima ständiger Drohungen, Unterdrückung und Druck auf die Beschäftigten innerhalb des Unternehmens, besonders Beleidigungen des Managers Vasile und seiner Frau Maria; letztere beleidigt die Beschäftigten täglich. Beiden verfügen nicht über die notwendige Ausbildung für die Leitung der Personalabteilung eines Unternehmens.

Es sei angemerkt, dass die Gewerkschaft nicht zum ersten Mal feststellt, dass die Betriebe die Vorgaben der Zertifizierungsstellen nicht einhalten. Es ist offensichtlich, dass diese Art von Verstössen (wie die, die wir Ihnen gerade über Haciendas Bio beschrieben haben) das Vertrauen der Verbraucher in diese Labels ernsthaft untergraben, ich spreche natürlich von biologischen und ethischen Produkten.

Zusätzlich zu dieser Erklärung sollten Sie wissen, dass die Gewerkschaft über zahlreiche schriftliche Zeugenaussagen, Audio- und Videoaufnahmen verfügt, welche die geschilderten Verhältnisse im Unternhemen untermauern.

Die Gewerkschaft teilt Ihren Dienststellen mit, dass sie Ihnen für weitere Informationen zur Verfügung steht, wenn Sie diese benötigen.

José Garcia Cueva

Sprecher

Almeria 2.4.2020

 

 

Nachtrag vom 8.4.20: Bio Suisse hat Heidi geschrieben. Die Organisation ist erstaunt über die im Brief von SOC-SAT beschriebenen Misstände. Die Kontrollen und Audits über die Anstellungsbedingungen hätten stets den Richtlinien von Bio Suisse entsprochen. Haciendas Bio ist seit 2003 Knospe-zertifiziert. Heidi wird demnächst mehr darüber berichten.

Sindicato de obreros del campo – Sindicato Andaluz de Trabajadores

Biosol Portocarrero. Plattform für eine sozial nachhaltige Landwirtschaft

Haciendas Bio

Schluss mit prekären Arbeitsbedingungen in Bio-Betrieben in Almeria. Uniterre vom 17.3.20

Uniterre kritisiert Arbeitsbedingungen in Spanien unter Bio-Suisse-Label Bauernzeitung vom 17.3.20

20 ArbeiterInnen bei Haciendas Bio entlassen. Uniterre vom 26.3.20

Produits bio d’Espagne: conditions de travail dénoncées. AGIR, Agence d’information agricole romande vom  17.3.20

Spaniens Regierungschef fordert EU zur Organisation von „Kriegswirtschaft“ auf. ARTE 5.4.20

Ausbeutung im Gewächshaus Gemüse aus Spanien: Hungerlöhne für Pflücker. Daniel Mennig, SRF Kassensturz vom 6.3.18

Preisgekrönter andalusischer Aktivismus. WOZ vom 26.11.15

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Eine Antwort to “Haciendas Bio Almeria: Ausbeuterische Arbeitbedingungen, Gesetzesverstösse und Hungerlöhne”

  1. Almeria – Fruit labourers: ‚If you don’t want to work like a slave, you’re out‘ | Heidis Mist Says:

    […] Haciendas Bio Almeria: Ausbeuterische Arbeitbedingungen, Gesetzesverstösse und Hungerlöhne. Heidis Mist vom 2.4.20 […]

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