In der Schweiz gelten strengere Richtlinien! Wirklich? Das Alp-Kuh-Wunder Bella

Die Bio-Milchkuh Bella auf einer konventionellen Alp.

Die Bio-Milchkuh Bella auf einer konventionellen Alp.

Bella ist eine Bio-Milchkuh. Den grössten Teil des Jahres lebt sie im Tal in einem Bio-Knospe-Betrieb. Weil es nur wenige Bio-zertifizierte Alpen gibt, verbringt sie den Sommer auf einer Alp zusammen mit Stella, ihrer Freundin aus einem konventionellen Betrieb.

Aus der Milch von Bella, Stella und ihren KollegInnen aus verschiedenartigen Betrieben bereiten die ÄlplerInnen konventionellen Alpkäse. Wenn Stella zurück auf dem Heimbetrieb ist, gibt sie weiterhin konventionelle Milch, nicht so Bella: Ab dem ersten Tag ist ihre Milch „Bio“. Oh Wunder!

Max und Moritz, zwei Söhne von Bella, grasten im Sommer ebenfalls auf einer konventionellen Alp. Moritz, der Ungeschickte, verletzte sich eine Woche vor Alpabfahrt am Klauen. Weil Moritz gesund und sowieso praktisch schlachtreif war, stellte der Tierarzt ein Zeugnis aus, womit Moritz in den nächsten Schlachthof gebracht werden konnte. Der Bio-Bauer Meier erhielt aber für das Fleisch nur den tieferen Preis für „konventionelles“ Fleisch ausbezahlt.

Zwei Tage nach Alpabfahrt führte Meier den schlachtreifen Max zum Viehanhänger und fuhr mit ihm zum Metzger. Sonderegger zahlte ihm den höheren Preis für Bio-Fleisch und freute sich auf die entsprechend höhere Marge, die er beim Bio-Fleisch erwirtschaftet. Seine umweltbewusste Kundschaft bevorzugt das Bio-Fleisch.

Gemäss Bio-Verordnung Art. 15b behalten Bio-Tiere ihren Status, wenn die Sömmerung auf Betrieben erfolgt, welche die Anforderungen nach den Artikeln 26 bis 34 der Direktzahlungsverordnung einhalten.

Es gibt weder beim Bundesamt für Landwirtschaft, noch bei Bio Suisse und bio.inspecta eine Liste der Bio-Alpen. Daher kann es aufwändig sein herauszufinden, ob ein Alpkäse, der als „Bio“ angeboten wird, auch tatsächlich „Bio“ ist.

Alpbewirtschaftung gemäss Direktzahlungsverordnung:
„sachgerecht und umweltschonend“

So steht es in der Direktzahlungsverordnung:

Art. 26 Grundsatz

Die Sömmerungs- und Gemeinschaftsweidebetriebe müssen sachgerecht und umweltschonend bewirtschaftet werden.

Heidi hat schon mehrmals darauf aufmerksam gemacht, dass „umweltschonend“ beim Bundesamt für Landwirtschaft heisst: Es darf nach Art. 30 gedüngt und gemäss Art. 31 Futter zugeführt werden. Auch sind Pestizide erlaubt; Herbizide werden oft eingesetzt, da die Unkräuter für den abzugsfreien Bezug der neuen Sömmerungsbeiträge bekämpft werden müssen, die Vorgaben sind in Art. 32 zu finden.

Wesentlich strengere Richtlinien in der EU

VERORDNUNG (EG) Nr. 889/2008 DER KOMMISSION vom 5. September 2008
mit Durchführungsvorschriften zur Verordnung (EG) Nr. 834/2007 des Rates über die ökologische/biologische Produktion und die Kennzeichnung von ökologischen/biologischen Erzeugnissen hinsichtlich der ökologischen/biologischen Produktion, Kennzeichnung und Kontrolle

Artikel 17
Gleichzeitige Haltung ökologischer/biologischer und nichtökologischer/nichtbiologischer Tiere

(3) Ökologische/biologische Tiere können auf Gemeinschaftsflächen gehalten werden, sofern

a) die Flächen zumindest in den letzten drei Jahren nicht mit Erzeugnissen behandelt wurden, die für die ökologische/biologische Produktion nicht zugelassen sind;

b) nichtökologische/nichtbiologische Tiere, die die betreffenden Flächen nutzen, aus einem Haltungssystem stammen, das den Systemen gemäß Artikel 36 der Verordnung (EG) Nr. 1698/2005 oder Artikel 22 der Verordnung (EG) Nr. 1257/1999 gleichwertig ist;

c) die Erzeugnisse der ökologischen/biologischen Tiere nicht als ökologische/biologische Erzeugnisse angesehen werden, solange die betreffenden Tiere auf diesen Flächen gehalten werden, es sei denn, es kann eine adäquate Trennung dieser Tiere von den nichtökologischen/nichtbiologischen Tieren nachgewiesen werden.

(5) Unternehmer führen Buch über die Anwendung der
Vorschriften dieses Artikels.

Almbewirtschaftung in Österreich

„Die Almbewirtschaftung erfolgt über weite Bereiche ökologisch, die Richtlinien sind sehr streng. Die Futterbasis muss aus Gräsern und Kräutern der Almweiden bestehen. Getreide und almfremdes Heu darf nur in geringem Masse verfüttert werden. Auch dürfen auf Almen in Österreich generell keine Herbizide oder Insektizide ausgebracht, keine Gülle oder Jauche vom Tal auf die Alm gebracht werden. Auch Kunstdünger ist auf der Alm verboten, hier gilt die Bio-Richtlinie.“ Quelle: Vielfalt in absoluten Höhenlagen, Kurier vom 21.9.15.

Heidi meint: „Der Vergleich mit der EU zeigt, dass in der EU eine Übergangsfrist von konventioneller zu ökologischer/biologischer Produktion für Gemeinschaftsflächen von drei Jahren gefordert wird – in der Schweiz hingegen beträgt sie NULL.

Es wäre wohl an der Zeit, die Alpen wirklich umweltschonend und naturnah zu bewirtschaften! Biodiversität ist in aller Munde, aber es fehlen griffige Massnahmen.

Heidis 33 Artikel über Herbizide auf Alpen

7.10.20 HOME

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4 Antworten to “In der Schweiz gelten strengere Richtlinien! Wirklich? Das Alp-Kuh-Wunder Bella”

  1. Sigrid Alexander Says:

    Liebe Heidi Einspruch zu dem Satz*. Ein Alpkäse ist dann ein Bio Käse, wenn er entsprechend Bio-gekennzeichnet ist inkl. Angabe der Kontrollstellennummer und der Vermarkter den gegeben Bio Hinweis nachweisen kann über a) entweder die Vorlage des Bio Zertifikates des letzten Aufbereiters (i.d.r. Käserei, oder der Abpacker von Portionen) (und berechtigterweise selbst NICHT im Bio Kontrollverfahren steht) oder b) – da selbst im Bio Konrtrollverfahren stehend- entsprechend seine Bio Bescheinigung vorlegen kann. Zu den EU Anforderungen sollte man differenzierend einbringen wie der Status der Vorgaben auf nationaler Ebene denn ist.

    Zu den von Dir gezogenen Schlüssen liessen sich andere addieren, das besprechen wir dann endlich mal persönlich bei unserem heissen Tee oder Wein am Kaminfeuer.

    Bin gespannt auf die Reaktionen auf Dein Anliegen/Problematisierung, liebe Grüsse Sigrid

    *“Daher kann es aufwändig sein herauszufinden, ob ein Alpkäse, der als „Bio“ angeboten wird, auch tatsächlich „Bio“ ist.“

    • Heidi Says:

      Liebe Sigrid
      Danke für deine Präzisierungen. Als Konsumentin kenne ich diese Regelungen nicht und das Suchen in dem aktuell 333 Seiten umfassenden Regelwerk ist nicht einfach. So sind die Spezifikationen zur Sömmerung unter Punkt 2.4.4.5.2 zu finden! Und die Realität sieht bisweilen anders aus.
      Ein Online-Shop hat mir per Newsletter zwei Bio-Alpkäse (Vorbestellung) angeboten. „So eine Seltenheit“, dachte ich, suchte im Internet die zwei Alpen und es war klar, dass beide NICHT Bio waren. Ich schrieb dem Anbieter. Man entschuldigte sich und änderte das im Shop. Doch schon bald darauf wurde eine neue Version des Shops aufgeschalten und die beiden Käse waren – oh Wunder – wieder Bio. Ich reklamierte nochmals, man entschuldigte sich und änderte den Eintrag. Wer aber schon aufgrund des Newsletters bestellt hatte, dürfte dann enttäuscht sein bzw. vermutlich hat der Käse gar keine Etikette, so wie das oft der Fall ist, wenn Bauern den Alpkäse selber vermarkten. Und er ist ja nicht Bio.
      Bald darauf wurde ein Bio-Bergkäse angeboten. Die Milch stamme von den Alpen A und B, würde ins Tal gebracht und dort zu Käse verarbeitet. Natürlich wollte ich wissen, ob die Alpen Bio-zertifiziert sind. Anfragen bei Bio Suisse, bio.inspecta und BLW ergaben, dass es keine Liste der Bio-zertifizierten Alpen gibt. Also fragte ich beim Online-Händler nach. Dieser schrieb mir, dass die Käserei Bio-zertifiziert sei und die Alpen gemäss Direktzahlungsverordnung bewirtschaftet würden „naturnah und umweltschonend“. Ich schrieb dann wieder, dass Milch von einer konventionellen Alp (Dünger, Kraftfutter, Pestizide) durch den Transport ins Tal nicht Bio werde. Das wollte der Händler nicht akzeptieren und schrieb wieder, dass der Käse Bio sei … und Punkt! Ich schrieb also der Käserei. Diese hatte keine Ahnung, ob die Alpen Bio-zertifiziert sind oder nicht, nur dass es Bio-Bauern sind, welche dort ihre Tiere sömmern. Man gab sich aber Mühe und hat dies mit grossem Aufwand herausgefunden. Die Käserei-Betreiber sind froh jetzt zu wissen, dass sie diesen Bergkäse mit gutem Gewissen als Bio verkaufen können.
      Meine Recherche zeigt auch, dass Käse von einer Bio-zertifizierten Käserei noch lange nicht wirklich Bio ist!
      Es mag sein, dass in der EU die einzelnen Länder eigene Regelungen haben, so wie die Kantone z.T. das Bundesrecht extrem strapazieren!
      Es gibt eine interessante Geschichte zur Entstehung der CH-Regelung, worüber ich demnächst schreiben werde.
      Herzliche Grüsse
      Heidi

  2. Was bin ich? Das heitere Bio-Raten | Heidis Mist Says:

    […] Von Mist, Gülle und anderen Gewässer-, Grundwasser- und Umweltverschmutzern « In der Schweiz gelten strengere Richtlinien! Wirklich? Das Alp-Kuh-Wunder Bella […]

  3. In der Schweiz gelten strengere Richtlinien! Wirklich? Das Alp-Kuh-Wunder Bella (2) | Heidis Mist Says:

    […] lebte die Milchkuh Luna auf dem Betrieb des Bio-Bauern Meier. Sie ist die Ur-Ur-Grossmutter von Bella, dem Alp-Kuh-Wunder. Es herrschte damals grosse Aufregung in der Bio- und Alpszene, denn das Bundesamt für […]

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