Schweizer Nationalpark: Vom totalen Schutz zu den Interessen von Wasserkraft, Forstwirtschaft, Jagd oder Tourismus

Wandern im Schweizer Nationalpark.

Der Schweizer Nationalpark – nur Idylle?

Jemand schrieb Heidi: „Habe die Petition bereits unterschrieben. Für mich ist es schon ein Unding, dass überhaupt ein Kraftwerk im Nationalpark vorhanden ist und dann noch das Zollfreigebiet Livigno, welches massenhaft Motorverkehr durch den Nationalpark generiert und das auch nur wegen des Tunnels für das Kraftwerk. Ganz so eine Oase, wie er geschildert wird, ist der Nationalpark nicht, was nicht so überrascht, wenn man seine Entstehungsgeschichte und all die „faulen“ Kompromisse dazu kennt. Gut nachzulesen in «Wildnis schaffen» von ETH-Historiker Dr. Patrick Kupper.“

Das war der Anlass für Heidi, den folgenden Beitrag zu schreiben.

Vision: ohne menschlichen Einfluss

Naturforscher hatten die Idee eines Parks, der vor jedem menschlichen Einfluss geschützt weden sollte. Eine treibende Kraft war auch Prof. Carl Schröter, der an der Vorgängerorganisation der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) lehrte und forschte. Er beschäftigte sich unter anderem mit Problemen der Land- und Forstwirtschaft zusammen mit Friedrich Gottfried Stebler, dem Gründer der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt in Zürich. Er berichtete in der Neuen Zürcher Zeitung vom 2.11.1906 über die erste Sitzung der Naturschutzkommission und bemerkte über die Val S-charl das Folgende:

„Dieses Tal würde sich vortrefflich zu einem schweizerischen Nationalpark eignen, wo keine Axt und kein Schuss erklingen dürfte; es hat reiche Arven-, Lärchen- und Fichtenwälder, wilde Legföhrenbestände, eine schöne Alpenflora und, wenn man ein Stück des anstossenden Ofengebietes dazu nähme, ausgedehnte Bestände der hochstämmigen Bergföhre, in denen noch der Bär haust …“ Wildnis sollte wiederhergestellt werden.

Im «Bundesbeschluss betreffend einen Schweizerischen Nationalpark Unterengadin», den das eidgenössische Parlament im März 1914 guthiess, steht:

„Art. 1. Auf dem vertraglich näher bezeichneten Gebiete der Gemeinde Zernez wird ein schweizerischer Nationalpark errichtet, in dem die gesamte Tier- und Pflanzenwelt ganz ihrer freien natürlichen Entwicklung überlassen und vor jedem nicht im Zwecke des Nationalparkes liegenden menschlichen Einflüsse geschützt wird.

Der Nationalpark wird der wissenschaftlichen Beobachtung unterstellt.“

Der Mensch und seine Interessen

Im Laufe der Jahrzehnte gaben die strengen Bestimmungen und Beschränkungen immer wieder Anlass zu Diskussionen. Dem Anspruch des totalen Naturschutzes standen andere Interessen gegenüber, etwa Wasserkraft, Forstwirtschaft, Jagd oder Tourismus.

Manche Abstriche an der anfänglichen strikten Schutzidee mussten hingenommen werden. Der Mensch konnte nicht aus dem Park verbannt werden. Der Nationalpark musste sich ein Stück weit dem Wandel der Zeiten anpassen, durfte aber auch die ursprünglichen Grundsätze nicht aufgeben.

Dies war «ein schwieriger Balanceakt, der nicht immer gleich gut gelang», schreibt der Historiker Patrick Kupper in seinem Buch „Wildnis schaffen“. Es hätte wohl geholfen, die Grenze zwischen dem Park und seinem Umland nicht so scharf zu ziehen und den Nationalpark «als das anzuerkennen, was er im Grunde war: eine künstlich kreierte und aufrechterhaltene Wildnis».

Errichtung der Spöltalsperre

Robert Hainard schrieb in seinem Buch „Naturschutzgebiete der Schweiz“:

„Das hervorstechendste Ereignis der Geschichte des Parkes seit seiner Gründung ist zweifellos die Errichtung der Spöltalsperre, die 1962 begonnen und 1970 fertiggestellt wurde. Die Talsperre befindet sich zwar am Punt dell Gall, oberhalb des Parkes und das Kraftwerk unterhalb, aber das Verschwinden (eines grossen Teils) des Hauptbaches des Gebietes (sowie einiger anderer, die ebenfalls gefasst wurden) bedeutet eine wesentliche Verletzung der Unversehrtheit unseres grossen Gesamtschutzgebietes.

Ich will hier nicht auf die komplizierte Geschichte des Projektes eingehen, die abwechselnde Empörung und Resignation und den Schlusskampf, in den ich eng verwickelt war. Er endete am 6. und 7. Dezember 1958 mit der Abstimmung über den Antrag zum Schutz des Parkes und der Volksabstimmung über das Spöl-Abkommen (500 993 Ja für die Ratifizierung des Abkommens mit Italien und 165 556 Nein).

Wie es das tragische Geschick oft will, musste die Entscheidung 10 oder 20 Jahre vor dem Reifwerden des Problemes getroffen werden. Es ist wohl nicht allzu verwegen zu behaupten, dass das Ergebnis heute anders wäre.“

Die unerträglichen Forderungen des Fortschritts

Der Künstler und Naturforscher Robert Hainard hatte sich beim geplanten Spöl-Wasserkraftwerk im Schweizerischen Nationalpark auf die Seite der Gegner geschlagen. „Es wird ein Zeitpunkt kommen, an dem die Forderungen des Fortschritts für jeden unerträglich sein werden“, sagte er damals. Hainard war nicht gegen den technologischen Fortschritt (er fuhr mit einem 2 CV), aber er verachtete diejenigen, die „nach und nach unsere letzten wilden Ecken, ästhetische und wissenschaftliche Werte, Quellen der Freude und des moralischen Fortschritts, in wunderbar geradlinige und von allem Leben gesäuberte Kulturen und Kanäle verwandelten.“

Unfall 2013 im Vorzeigeprojekt

Mit dem Restwasser wird versucht, das Leben im Bach unterhalb der Staumauer zu gewährleisten. Doch dann fielen Messinstrumente aus. Die Engadiner Kraftwerke (EKW) merkten nicht, dass das Restwasser im Spöl versiegte. Parkwächter schlugen Alarm, worauf die EKW am Grunde der Staumauer Wasser abliessen. Dabei floss eine unkontrollierbare Menge Schlamm den Bach hinunter, bedeckte das Bachbett auf einer Länge von sechs Kilometern und Tausende Fische und andere Lebewesen verendeten. Fünf bis zehn Jahre werde es gehen, bis sich die Tierwelt wieder erhole, schätzte ein Wasserfachmann der Eawag, dem Wasserforschungsinstitut der ETH.

PCB-Teilsanierung genügt nicht

Bereits am 18.3.21 schrieben Pro Natura Graubünden, WWF Graubünden und Aqua Viva in einer gemeinsamen Medienmitteilung:

„Im Jahr 2016 sind bei Unterhaltsarbeiten an den Anlagen der Engadiner Kraftwerke AG (EKW) hochgiftige PCB in den Fluss Spöl im Schweizerischen Nationalpark gelangt. Dabei wurde dieser auf seiner gesamten Fliessstrecke bis zum Ausgleichsbecken Ova Spin verunreinigt. Algen, Moose, Fische und die Bachsedimente bis in eine Tiefe von 50 cm sind heute stark mit PCB belastet, das Wasser teilweise ebenfalls. Im vergangenen Herbst wurde im Nationalpark ein toter Uhu mit einer exorbitant hohen PCB-Belastung gefunden, was zeigt, dass das Gift bereits in die Nahrungskette der Wildtiere gelangt ist.“

Die drei Organisationen fordern eine möglichst vollständige Sanierung der PCB-Belastung sowohl im Spöl als auch in den Kraftwerksanlagen und legen Beschwerde ein gegen die Sanierungsverfügung des Kantons.

Petition unterschreiben!

Das Unglück ist geschehen, nun gilt es den Schaden sofort und gründlich zu sanieren, trotz Rechtsstreit betreffend Übernahme der Kosten.

Haben Sie die Petition an Bundesrätin Simonetta Sommaruga noch nicht unterschrieben? Hier geht’s zum Online-Formular, Name und E-Mail genügt!

Petition Keine halben Sachen im Schweizer Nationalpark! Saniert endlich den Spöl!

Les combats de Robert Hainard, écologiste avant l’heure. Le temps 28.12.20

Bilder Robert Hainard

Bundesbeschluss betreffend die Errichtung eines schweizerischen Nationalparkes im Unter-Engadin. Bundesversammlung der Schweizerischen Eidgenossenschaft 3.4.14

Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Italienischen Republik über die Nutzbarmachung der Wasserkraft des Spöl. Abgeschlossen am 27. Mai 1957

Medieninformation ETHZ vom 14.3.12: «Wildnis schaffen – eine transnationale Geschichte des Schweizerischen Nationalparks», Patrick Kupper, Haupt-Verlag, 2012. ISBN 978-3-258-07719-2

Naturschutzgebiete der Schweiz. Robert Hainard, AVANTI-Verlag

Umweltgift PCB bedroht die Artenvielfalt im Nationalpark. Medienmitteilung Pro Natura Graubünden, WWF Graubünden und Aqua Viva 18.3.21

Künstlich fluten. Tagblatt 13.4.13

Petition „Keine halben Sachen im Schweizer Nationalpark! Saniert endlich den Spöl!“ Heidis Mist 20.4.22

Petition „Keine halben Sachen im Schweizer Nationalpark! Saniert endlich den Spöl!“ (2) Heidis Mist 21.4.22

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Eine Antwort to “Schweizer Nationalpark: Vom totalen Schutz zu den Interessen von Wasserkraft, Forstwirtschaft, Jagd oder Tourismus”

  1. Schweizer Nationalpark: Die Petition Sanierung Spöl braucht weitere Unterschriften! | Heidis Mist Says:

    […] Schweizer Nationalpark: Vom totalen Schutz zu den Interessen von Wasserkraft, Forstwirtschaft, Jagd … 26.4.22 […]

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