Posts Tagged ‘Agroscope’

Pflanzenzüchtung: Dezimieren, dann wiederbeleben

29. Juli 2017
Vor dem Ersten Weltkrieg importierte die Schweiz den grössten Teil des Brotgetreides, was gegen Kriegsende zu einer eigentlichen Lebensmittelnot führte. Demzufolge legten die landwirtschaftlichen Forschungsanstalten die Prioritäten mehr und mehr auf den Ackerbau, Fragen der Tierhaltung traten in den Hintergrund. Die Züchtung gewann an Bedeutung.

Vor dem Ersten Weltkrieg importierte die Schweiz den grössten Teil des Brotgetreides, was gegen Kriegsende zu einer eigentlichen Lebensmittelnot führte. Demzufolge legten die landwirtschaftlichen Forschungsanstalten die Prioritäten mehr und mehr auf den Ackerbau, Fragen der Tierhaltung traten in den Hintergrund. Die Züchtung gewann an Bedeutung.

Von den zahlreichen Restrukturierungen der landwirtschaftlichen Forschungsanstalten war die Pflanzenzüchtung besonders stark betroffen, obwohl resistente Sorten Voraussetzung für einen umweltschonenden Anbau sind. Es fehlte den Entscheidungsträgern an Weitsicht. Nun soll die Züchtung „revitalisiert“ werden: Wer essen will, muss züchten, Interview des Landwirtschaftlichen Informationsdienstes mit Eva Reinhard, stellvertretende Direktorin des Bundesamts für Landwirtschaft vom 27.7.17. Bezahlt werden solche Fehlplanungen durch die Steuerzahlenden.

Zitat aus „Schweizer Qualitätskorn fürs tägliche Brot“, AGRARForschung 10 (8): 334, 2003:
„Der Ertrag war in der Schweiz immer nur ein zweitrangiges Züchtungsziel. Auch heute noch haben Schweizer Weizensorten im internationalen Vergleich eine besonders gute Krankheitsresistenz bei gleichzeitiger besonders hoher Backqualität … Mit der Überproduktion und der zunehmenden Ökologisierung des Ackerbaus zeigen auch die benachbarten Länder ein verstärktes Interesse an den Schweizer Sorten.“

Den Sparmassnahmen war das Dinkel-Zuchtprogramm geopfert worden. Die Getreidezüchtung wurde massiv geschwächt. Wissen und internationale Beziehungen gingen dabei verloren.

Heidi hofft, dass das geplante Swiss Plant Breeding Center SPBC mit mehr Weitsicht betrieben wird als die Restrukturierungen.

29.7.17 HOME

 

Kein Pufferstreifen an Wohnzonen

16. Juni 2016
Blühende Pflanzen in der Nähe von Feldern fördern Nützlinge und Insekten, welche die Kulturen bestäuben.

Blühende Pflanzen in der Nähe von Feldern fördern Nützlinge und Insekten, welche die Kulturen bestäuben.

Pufferstreifen für Pflanzenschutzmittel (PSM) und Dünger sind zum Schutze der Artenvielfalt und des Wassers vorgeschrieben, und zwar entlang von Hecken, Feld- und Ufergehölzen, Waldrändern und oberirdischen Gewässern. Solche naturnahen Lebensräume sind reich an Nützlingen. Marienkäfer überwintern z.B. in der Streuschicht am Waldrand. Untersuchungen zeigen, dass die Förderung von Nützlingen den Ertrag von Ackerkulturen erhöhen kann, weshalb Forschungsinstitutionen 2014 zusammen mit dem Schweizer Bauernverband eine Plattform „Blühende Lebensräume“ geschaffen haben, siehe Agrarforschung Heft 6, Juni 2016.

Regelung Wohnzonen

Heidi wundert sich schon lange, ob es auch Einschränkungen gegenüber Wohnzonen, Spielplätzen usw. gibt, denn sie sieht da und dort einen Acker, der direkt an einen Hausgarten grenzt. Der Abstand ist kaum 50 cm und die Kultur jeweils offensichtlich bis zum Feldrand mit PSM behandelt und gedüngt. Heidis Nachfragen haben ergeben, dass kein Pufferstreifen zu Wohnzonen vorgeschrieben ist. Dies obwohl im Pflanzenschutzmittelverzeichnis des Bundesamts für Landwirtschaft zahlreiche PSM folgende Hinweise enthalten: „Kann vermutlich das Kind im Mutterleib schädigen“, „Kann vermutlich die Fruchtbarkeit beeinträchtigen“ oder „Kann vermutlich Krebs erzeugen“.

Für Abstandsforderungen zum Schutze vor schädlichen Belastungen des Nachbargrundstücks durch Abdrift oder Abschwemmung kommt also einzig Art. 684 des Zivilgesetzbuches, das Nachbarrecht, in Frage – ein schwieriger Weg, wenn der Bauer nicht einsichtig ist.

Ausnahme: Helikopter-Sprühflüge

Die einzige konkrete Regelung besteht für Helikopter-Sprühflüge: 60 m. Das  Bundesamt für Umwelt hat das Reglement für PSM-Luftapplikation überarbeitet; es wird im Laufe des Sommers in Kraft treten. Vorgesehen ist für einen Grossteil der zugelassenen PSM ein zur bisherigen Regelung verkleinerter Abstand von nur 30 m zu Wohnzonen. Unter diesen PSM befinden sich auch sehr schädliche. Heidi meint: „Ein schlechtes Omen für den Pestizid-Aktionsplan, welcher demnächst in Vernehmlassung geht.“

Neuauflage Merkblatt Pufferstreifen

Die dritte Auflage des Merkblatts „Pufferstreifen – richtig messen und bewirtschaften“ ist erschienen und kann bei Agridea bezogen werden, Download pdf gratis, Druckversion 5 Franken.

Französische Gemeinde schützt die EinwohnerInnen

Die französische Gemeinde Saint Jean führt einen Pufferstreifen zu Wohnzonen von 50 m ein, La commune de Saint-Jean (Haute Garonne) repousse les pesticides à 50 mètres des habitations, France 3, Midi-Pyrénées, 21.5.16

Deutschland: Pestizidaktionsplan ist ein Papiertiger

Deutschland hat bereits Erfahrung mit einem Pestizid-Aktionsplan. Eine Allianz aus Umwelt-, Imker- und Verbraucherverbänden informierte gestern in einer Medieninformation über den mangelnden Erfolg. Trotz der massiven Belastung von Gewässern, des alarmierenden Rückgangs der Artenvielfalt sowie der Zerstörung und Kontaminierung von Lebensräumen und Lebensmitteln durch Herbizide, Fungizide und Insektizide enthalte der Pestizid-Plan der Bundesregierung keine wirksamen Massnahmen, um Menschen, Natur und Umwelt zu schützen, bemängeln die Verbände. Der Inlandabsatz von Pestiziden sei von 2001 bis 2014 um einen Drittel gestiegen.

„Der Nationale Aktionsplan hinterlässt in der landwirtschaftlichen Praxis bisher keinerlei Spuren und unterbietet damit unsere ohnehin schon geringen Erwartungen. Eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für unsere Bienen wird mit viel Papier, aber ohne praxisrelevante Massnahmen nicht zu erreichen sein“, so Walter Haefeker, Präsident des Verbandes Deutscher Berufsimker. Zwei Drittel aller Vögel der Agrarlandschaft stehen auf der Liste der bestandsbedrohten Tierarten“, sagte Lars Lachmann, NABU-Vogelschutzexperte.

Keine Abkehr von der Pestizid-Abhängigkeit
Traurige Halbzeitbilanz des Pestizid-Aktionsplans der Bundesregierung, Gemeinsame Pressemitteilung von BUND, PAN Germany, Greenpeace e.V., DBIB, DNR und NABU.

16.6.16 HOME

Pflanzenschutzmittel-Eintrag aus der Landwirtschaft in Gewässer weiter reduzieren

15. November 2013
Kleingewässer im landwirtschaftlichen Raum mit einem Pufferstreifen, der das Gewässer vor abgeschwemmten Stoffen aus dem Acker schützt und zugleich die Biodiversität fördert. Foto © Gabriela Brändle, Agroscope

Kleingewässer im landwirtschaftlichen Raum mit einem Pufferstreifen, der das Gewässer vor abgeschwemmten Stoffen aus dem Acker schützt und zugleich die Biodiversität fördert. Foto © Gabriela Brändle, Agroscope

„Gesetzliche Vorschriften und die gute landwirtschaftliche Praxis zielen darauf ab, den Eintrag von Pflanzenschutzmitteln in Gewässer möglichst tief zu halten. Damit sollen die Wasserlebewesen geschützt und die Biodiversität erhalten werden. Dennoch findet man in einigen Fliessgewässern Pflanzenschutzmittel-Rückstände. Agroscope hat gezielt Methoden entwickelt, um parzellenspezifische Massnahmen vorzuschlagen, damit man die Einträge in Gewässer verringern kann.“

Ausführliche Informationen siehe

Pflanzenschutzmittel-Eintrag aus der Landwirtschaft in Gewässer weiter reduzieren, Medienmitteilung ACW vom 15.11.13

15.11.13 HOME

Grüne Milch? Ja, schon seit 9 Jahren in den Schulzimmern

26. Mai 2011
Trifolium_pannonicum_Jacq

Zeichnung von Carl Schröter, der in St. Antönien GR seine Ferien verbrachte und die Flora studierte, Trifolium pannonicum Jacq. aus "Die besten Futterpflanzen"

Migros und IP Suisse, diese Namen sind jetzt in aller Munde, wenn es um „Grüne Milch“ geht, genauer gesagt um TerraSuisse-Wiesenmilch. Ein neues Produkt? Nein, ein Besinnen auf alte Werte und eine gradlinige Schweizer Futterbau-Forschung, welche  die artgerechte Fütterung des Viehs auch dann im Auge behalten hat, als das Verfüttern von immer mehr Kraftfutter Mode wurde. Im Herbst soll die Wiesenmilch in den Migros-Verkaufregalen stehen. Die „grasgrüne Milch“ gibt es schon seit neun Jahren in den Schulzimmern jener Lehrkräfte, welche sich für Landwirtschaft interessieren und die Unterrichtsunterlagen mit diesem Titel angeschafft haben; Fragen und Antworten über Milch, Milchprodukte, Wiesen, Kuh und Landschaft. Ein Heft mit Arbeitsblättern, welches zum Beobachten, Nachdenken oder Notieren anregt. Der Autor ist Christian Hofer, jetzt Vize-Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft.

Auf dem eigenen Betrieb aus Gräsern, Klee und Kräutern möglichst nährstoffreiches Raufutter für das Vieh zu produzieren, das war seit den Zeiten von Friedrich Gottlieb Stebler und Albert Volkart die Grundidee des schweizerischen Futterbaus. Generationen von Futterbauforschern der landwirtschaftlichen Forschungsanstalten und der ETHZ sind ihr treu geblieben. Zum Beispiel Josef Lehmann, der Vater der meisten Schweizer Kleegras-Standardmischungen für Ansaatwiesen, war ein vehementer Verfechter der Raufutterkuh. Diese soll in erster Linie Wiesenfutter fressen, das der Mensch nicht verwerten kann, weil er keinen Wiederkäuermagen hat. Wenn das Vieh Getreide und Soja frisst, dann konkurrenziert es den Menschen, siehe Im Dienst der Raufutterkuh, 125 Jahre FAL, Agrarforschung 10 (6): 239, 2003.  Im grossen Stil Reklame für die Wiesenmilch machten die Futterbauforscher in den 1990er Jahren mit der Ausstellung „Die Schweiz – ein Grasland“ an OLMA, Züspa, LUGA und BEA. Erneut die Werbetrommel rührten sie an der Expo agricole  in Murten mit er „Grasgrünen Milch“, welche danach als Wanderausstellung viele Leute begeisterte. Zahlreich sind die Forscher, welche einen Beitrag zum Erfolg beigesteuert haben, ein paar weitere möchte Heidi hier vorstellen: Binding-Preisträger (1994) Walter Dietl, Willy Kessler (Mitglied der Geschäftsleitung Agroscope Reckenholz-Tänikon ART), Andreas Lüscher (Leiter der Gruppe Futterbau, Graslandsysteme der ART). Der TerraSuisse-Wiesenmilch zum Durchbruch verholfen hat Peter Thomet, Dozent an der Schweizerischen Hochschule für Landwirtschaft in Zollikofen  (bis vor zwei Monaten Präsident der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Futterbaus AGFF).

Heidi empfiehlt allen, die an einem ökologischen Wiesenbau interessiert sind, Werbung für die Wiesenmilch zu machen. Schenken Sie doch die Unterrichtsunterlagen einer Lehrerin oder einem Lehrer oder tauchen Sie selber in die spannende Welt der Wiesen und Kühe ein, etwa mit den Fragen Sprechen Wiesen auch Japanisch? Können Kühe zaubern?, denn dann wissen Sie Bescheid, was hinter der Wiesenmilch steckt, wenn sie im Herbst in der Migros erhältlich ist. Die Unterlagen sind den Preis wert, erhältlich bei der AGFF Grasgrüne Milch, als Heft für 10 Franken, als CD-Rom für 5 Franken oder beim Landwirtschaftlichen Informationsdienst LID-Shop, Grasgrüne Milch. Viel Spass! Oder werden Sie Mitglied der AGFF für 30 Franken. Das war jetzt ein bisschen viel Werbung, aber für einen guten Zweck.

Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Futterbaues (AGFF), Frühjahrstagung 7. April 2011

AGFF 75 Jahre Forschung und Beratung für den schweizerischen Futterbau – 1934-2009

7 Rappen mehr für Wiesenmilch. Schweizer Bauer, 10.5.11

26.5.11 HOME

Man soll die Kuh nicht zur Sau machen

13. April 2011
Getreide

Getreide für den Menschen, Gras für die Kuh

Die Kuh verarbeitet in ihren drei Mägen Gras und Heu mit einer Effizienz von gegen 50 Prozent zu Milch. Die Sau hat einen einfachen Magen, sie braucht daher Kraftfutter, zum Beispiel Getreide, das auch dem Menschen direkt als Nahrung dienen könnte. Im Schweinemagen wird das Futter mit einer Effizienz von knapp 20 Prozent in Fleisch umgewandelt. Neben Getreide wird auch immer mehr Silomais verfüttert, damit die Kühe die grossen Leistungen, die vielerorts von ihnen verlangt werden, erbringen.

„Nun kann man eine Kuh aber nicht ungestraft zur Sau machen, indem man ihr nur leicht verfügbare Energie wie Stärke vorsetzt. Sie ist eben ein Wiederkäuer, also ein Spezialist für die Erschließung derjenigen Energie, die in Form von Fasern gebunden ist. Eine Kuh verträgt nicht mehr als 20 bis 25 Prozent Stärkeanteil in der Trockenmasse ihres Futters.“ Dies schrieb die Saaten-Union, ein Verbund von Pflanzenzüchtern, kürzlich unter dem Titel Innere Werte sind brandaktuell. Vor 20 Jahren schon verfasste Herbert Cerutti für die NZZ eine Reportage über die Schweizer Futterbauforschung von Agroscope Reckenholz-Tänikon ART mit dem Titel Man soll die Kuh nicht zur Sau machen. Ein Nebeneinander von intensiv und weniger intensiv bewirtschafteten Wiesen wurde und wird immer noch propagiert. Die nährstoffreichen Wiesen für das Milchvieh, die „Blüemli-Wiesen“ für Galtkühe (Kühe, die vor dem Kalben keine Milch mehr geben), Pferde, Schafe usw.  und nur wenig Kraftfutter in der Ration.

Die Schweizer Bauern haben in den letzten Jahren immer mehr Kraftfutter importiert. Wenn vielleicht bald schon zusätzliche Bundesgelder für den Anbau von Futtergetreide im Inland gesprochen werden, dann ist dies nicht der Weisheit letzter Schluss. Zitat aus der Bio-Verordnung des Bundes SR 910.18, Art. 16b „Wiederkäuer müssen mindestens 60 Prozent der Futter-Trockensubstanz in Form von frischem, getrocknetem oder siliertem Raufutter erhalten.“ Viel restriktiver ist Bio Suisse: Der Kraftfuttereinsatz der Knospen-Betriebe ist auf 10 Prozent limitiert. Noch weiter gehen die Fachleute am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) mit dem Projekt «Feed no Food», welches die Milchproduzenten dazu motivieren will, weitgehend auf den Kraftfuttereinsatz in der Wiederkäuerfütterung zu verzichten. Und der Schweizer Durchschnitt? Seit Jahrzehnten spricht man von einem Kraftfutteranteil von 30 Prozent. Hat jemand diese Zahl einmal neu berechnet?

Grasgrüne Milch, Unterrichtunterlagen Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Futterbaus (AGFF)

13.4.11  HOME


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