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«Wir lagern viele Probleme unseres Ernährungssystems aus»

27. Mai 2021
«Es ist wichtig, nicht nur über die landwirtschaftliche Produktion zu sprechen»: Theresa Tribaldos. Foto: CDE

«Es ist wichtig, nicht nur über die landwirtschaftliche Produktion zu sprechen»: Theresa Tribaldos. Foto: CDE

Interview von Gaby Allheilig mit der Wissenschaftlerin Theresa Tribaldos vom Centre for Development and Environment (CDE):

„Aktuell debattiert die Schweiz darüber, wie ihre Landwirtschaft produzieren soll. Finnland geht einen anderen Weg und ist daran, sein ganzes Ernährungssystem – samt internationalen Auswirkungen – klimatauglich zu machen. Lässt sich dieser Ansatz auf die Schweiz übertragen? Was bräuchte es dafür? CDE-Wissenschaftlerin Theresa Tribaldos über die Notwendigkeit, über den eigenen Tellerrand zu blicken und auch die Frage der Gerechtigkeit zu stellen.

Theresa Tribaldos, Sie forschen zusammen mit finnischen und brasilianischen WissenschaftlerInnen zur Frage, wie wir zu gerechten Ernährungssystemen kommen. Was fällt Ihnen aus dieser Sicht bei der Debatte um die Schweizer Agrarpolitik und den beiden anstehenden Volksinitiativen auf?

In erster Linie fällt mir in der jetzigen Debatte auf, dass die Landwirtschaft losgelöst von Verarbeitung, Handel, Vertrieb und Konsum diskutiert wird. Dabei hängt das alles eng zusammen bzw. voneinander ab. Die Frage, ob wir den Einsatz von synthetischen Pestiziden herunterfahren wollen, stellt sich meines Erachtens so gar nicht – wir müssen. Aber zu glauben, dass die Probleme gelöst sind, wenn die Bauern ohne synthetische Pestizide produzieren, und sonst alles weiter so läuft wie bisher, ist fern der Realität.“

Heidi empfiehlt Ihnen, das ganze Interview zu lesen. Hier die wichtigen Punkte:

«Die Initiativen bringen ein sehr wichtiges Thema aufs Tapet»

«Im Agro-Food-Bereich hat eine enorme Machtkonzentration stattgefunden»

«Die Probleme, die mit der Agrarindustrie verbunden sind, betreffen nicht nur den Konsum von tierischen Produkten»

«Nur schon wegen der Klimaerwärmung müssen wir die Ernährungssysteme stark umgestalten»

«Wir müssen uns fragen, wie wir vom Futtermittel-Soja wegkommen»

… Die Finnen haben ein grosses Interesse daran, etwas gegen die Klimaerwärmung zu unternehmen. Ein wichtiger Baustein davon ist die Veränderung des Ernährungssystems. Finnland will dabei auch Gerechtigkeitsfragen berücksichtigen.

«Finnland schaut nicht nur die eigene Produktion an, sondern blickt vermehrt auch auf globale Wertschöpfungsketten»

«In der Schweiz herrscht oft noch ein sektorielles Denken vor»

Link zum vollständigen Interview: «Wir lagern viele Probleme unseres Ernährungssystems aus». Interview Gaby Allheilig, Centre for Development and Environment (CDE), Universität Bern, 25.5.21

27.5.21 HOME

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«Die Schweiz hätte jetzt die Chance, eine Ernährungspolitik zu verfassen»

19. Mai 2021

«Es reicht nicht, so zu tun, als könnte man einfach ein paar Stellschrauben anpassen»: Johanna Jacobi. Foto: CDE

«Es reicht nicht, so zu tun, als könnte man einfach ein paar Stellschrauben anpassen»: Johanna Jacobi. Foto: CDE

Agrarinitiativen: Gibt es Alternativen zur Agrarindustrie?

Weltweit produzieren rund 500 Millionen Kleinbäuerinnen und -bauern Nahrung – oft agrarökologisch. Gleichzeitig tragen heute aber nur noch rund 80 Sorten massgeblich zur Welternährung bei, die in der Regel in Monokulturen angebaut werden. Diese Agrarindustrie bedingt den Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden. Doch was würde passieren, wenn man darauf verzichtet?

Lesen Sie das Interview mit der Wissenschaftlerin Johanna Jacobi des Centre for Development and Environement (CDE) der Universität Bern über zukunftsfähige Alternativen und den nötigen Umbau zu einem nachhaltigen Ernährungssystem.

Grafik FAO 2020, bearbeitet.

Klicken Sie auf das Bild für höhere Auflösung. Grafik FAO 2020, bearbeitet.

«Die Schweiz hätte jetzt die Chance, eine Ernährungspolitik zu verfassen». Johanna Jacobi, Centre for Development and Environement (CDE), 19.5.21

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Fleischkonsum: Sprache und Wirklichkeit

15. März 2021

Das schweizerische Kompetenzzentrum für Nachhaltige Entwicklung (CDE), Universität Bern, hat untersucht wie sich „Fleisch“ in der Sprache auf unseren Fleischkonsum auswirkt.

Als Folge der Pandemie erreichten Fleischprodukte im Jahr 2020 einen neuen Umsatzrekord von über fünf Milliarden Franken, vermeldete das Bundesamt für Landwirtschaft. Dass so viel Fleisch verzehrt wird, habe jedoch nicht nur mit Covid-19 und günstigen Fleischpreisen zu tun. Der Fleischkonsum sei tief in unserer Sprache verankert. Manche Ausdrücke und Wendungen fördern das Fleischessen oder verdecken die Probleme um den Fleischkonsum. Zu diesem Schluss kommt Hugo Caviola, assoziierter Wissenschaftler in einer Studie am CDE.

Gaby Allheilig serviert uns in einer schön bebilderten und leicht verständlichen Präsentation Wörter, die auf Nutztieren und Fleisch basieren, nennt Alternativen. Sie erklärt Zusammenhänge und zeigt Probleme rund um die Fleischproduktion und den -konsum auf, z.B. „Mit seinem Landanspruch, aber auch durch den Ausstoss von Methan und Lachgas, trägt der Fleischkonsum in der westlichen Ernährungsweise wesentlich zur Schädigung des Weltklimas bei. Auch Böden, Biodiversität und Wasserressourcen leiden unter der intensiven Tierhaltung.“ Ergänzt werden Text und Fotos mit Illustrationen von Julia Weiss.

Oft verwenden wir „Fleischwörter“ wohl mehr oder weniger bewusst. Dass die „Fleischsprache“ uns trotzdem beeinflusst, leuchtet ein, das lehrt uns das PR-Wissen.

Das Projekt «Sprachkompass Ernährung»

Der «Sprachkompass Ernährung» ist eine Orientierungshilfe die aufzeigt, wie Sprache unsere Wahrnehmung von Ernährung prägt und unser Denken und Handeln anleitet – und welche sprachlichen Ausdrucksformen einen massvollen (suffizienten) Umgang mit Ernährung behindern bzw. welche ihn fördern können. Das Projekt basiert auf dem Konzept der Suffizienz, einem Verständnis von Wohlstand und Lebensqualität, das andere Werte als Konsum in den Vordergrund rückt. Es wird von der Stiftung Mercator Schweiz unterstützt.

Sprachkompass Ernährung

Die Macht der Sprache. Video 28:19. Bayrischer Rundfunk vom 9.9.20

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Hungrige Mühlen und ihre Rolle in Indonesiens Palmölindustrie

3. Februar 2021

Nachfolgend ein Bericht von Gaby Allheilig, Centre for Development and Environment (CDE), Universität Bern, über die Masterarbeit von Cristina Joss. Unter dem Link am Schluss dieses Beitrags finden Sie zahlreiche Fotos, die jedoch nicht für die Medien zur Verfügung stehen.

In Indonesien geht rund ein Viertel der Waldrodungen direkt auf Ölpalmen zurück. Wenig beleuchtet dabei: die Rolle der Ölmühlen. Viele produzieren heute deutlich unter ihrer Kapazität – und sind hungrig nach noch mehr Palmölfrüchten. Damit steigt das Risiko für weitere Entwaldungen.

In welchem Mass die Mühlen diese vorantreiben und welche Rolle sie für eine nachhaltigere Produktion spielen könnten, hat eine Masterarbeit am Centre for Development and Environment (CDE) und dem Geographischen Institut der Universität Bern unter die Lupe genommen.

Zentralkalimantan

Die Provinz im indonesischen Teil Borneos ist bekannt für die letzten Borneo-Orang-Utans – und dafür, ein Hotspot der Palmölindustrie zu sein. Laut Global Forest Watch hat sie zwischen 2000 und 2019 rund einen Viertel ihrer Wälder verloren. Nicht nur, aber vor allem wegen der Palmölindustrie.

Einer der wichtigen Akteure dabei sind die Verarbeiter der Früchte. Denn um eine gute Ölqualität zu erzielen, müssen die frisch geernteten Früchte rasch an die Mühlen geliefert werden – idealerweise innerhalb von 24 Stunden. Dort werden sie gepresst und als rohes Palmöl oder als Palmkernöl an die Raffinerien zur Weiterverarbeitung transportiert.

Die Folge des nötigen Tempos: In den Anbaugebieten sind Palmölmühlen wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die derzeit vollständigste Übersicht bietet die Universal Mill List des Gobal Forest Watch und World Resources Institute.

Verbindung Ölmühlen und Entwaldungspotenzial untersucht

In den letzten Jahren hat das Wissen zwar zugenommen, wie sich Palmöl nachhaltiger produzieren lässt – und welche technischen Verbesserungen seitens der Mühlen dazu beitragen können. Doch welche Rolle die Mühlen in der Lieferkette und bei der Entwaldung spielen, ist noch kaum untersucht. Eine Lücke, die umso mehr ins Gewicht fällt, als die Mühlen beträchtliche Auswirkungen auf ihr Umfeld haben – inklusive dem Risiko weiterer Entwaldungen.

An diesem Punkt hat eine Masterarbeit am CDE und dem Geographischen Institut der Universität Bern in Partnerschaft mit der Earthworm Foundation, einer Nonprofit-Organisation, die sich für nachhaltige Wertschöpfungsketten engagiert, angesetzt. Ziel der Arbeit: die vorhandenen Palmölmühlen in Zentralkalimantan zu analysieren und davon ausgehend das Risiko weiterer Entwaldungen abzuschätzen.

Im untersuchten Gebiet sind derzeit 110 Palmölmühlen in Betrieb, die meisten davon im westlichen Teil der Provinz. Sie verarbeiten jährlich fast 30 Mio Tonnen an frischen Früchten, angebaut auf einer Gesamtfläche von rund 1,5 Mio Hektar Land.

Doch längst nicht alle Mühlen schöpfen ihr Verarbeitungspotenzial aus. Um jene ausfindig zu machen, die unter ihren Möglichkeiten betrieben werden – die hungrigen Mühlen – wurde für jede ein individuelles Einzugsgebiet errechnet und mit ihrer Kapazität verglichen. Das Resultat: rund 20 Prozent der 110 Mühlen arbeiten unter der Leistung, auf die sie ausgerichtet sind.

Will man diese voll ausschöpfen, fehlt in Zentralkalimantan momentan ein Drittel der dafür nötigen Anbauflächen.

Die Untersuchungen zeigten zudem, dass die meisten hungrigen Mühlen im Norden und Nordosten der Provinz anzutreffen sind – einem Randgebiet, in dem die Ölpalmplantagen (noch) nicht dicht an dicht stehen.

RSPO-Zertifizierung ohne grossen Einfluss auf Überkapazitäten

Die Zertifizierung eines Teils der Mühlen durch den Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) – die auf eine nachhaltigere Entwicklung des Sektors zielt – scheint in Zentralkalimantan auf die Überkapazitäten keinen grossen Einfluss zu haben.

Die Gründe dafür: Einerseits haben nur 34 der 110 Mühlen das RSPO-Label. Andererseits ist unter den zertifizierten Mühlen der Anteil an hungrigen zwar deutlich kleiner als unter den nichtzertifizierten – aber dafür liegt ihre durchschnittliche Überkapazität um zwei Drittel höher als bei den Nichtzertifizierten. Sie sind also weniger zahlreich, dafür umso «hungriger».

«Mühlen sind Risiko für Regenwälder»

«Die verschiedenen Analysen in der Masterarbeit haben ergeben, dass die Nachfrage nach mehr Plantagenfläche in Zentralkalimantan seitens der bestehenden Mühlen sehr hoch ist», fasst CDE-Wissenschaftlerin Cornelia Hett, welche die Arbeit betreute, zusammen.

«Damit ist klar, dass sie wegen ihres ‘Hungers’ praktisch keine nachhaltigen Anbaumethoden zulassen, die den Flächenertrag senken würden – aber auch dass sie für die verbliebenen Regenwälder ein ernst zu nehmendes Risiko darstellen.»

Abgesehen von staatlichen Regulierungen und ihrer tatsächlichen Durchsetzung auf Provinzebene hängt es also vor allem auch von den Mühlenbesitzern, sprich Konzernen, ab, ob sich die Industrie nachhaltiger aufgleisen lässt: Sie gehören zu den mächtigen Akteuren in der Wertschöpfungskette, zumal sie die angewandten Standards und Praktiken gestalten können, vor- und nachgelagerte Prozesse steuern, sowie beeinflussen, wo und wie neue Infrastruktur für die Palmölindustrie entsteht.

Cornelia Hett ist daher der Meinung: «Es wäre wichtig, vertieft der Frage nachzugehen, wer hinter der Finanzierung der Mühlen steht – gerade auch im Hinblick auf allfällige Verbindungen zu internationalen Grossinvestoren. Denn erst wenn dies geklärt ist, dürfte es gelingen, wirklich nachhaltige Wertschöpfungsketten aufzubauen.»

Rob Mc William, Direktor Forschung und Innovation der Earthworm Foundation, würdigt die Untersuchungen hinsichtlich ihres Nutzens für die Praxis: «Die Identifizierung hungriger Mühlen eröffnet neue Möglichkeiten in der Zusammenarbeit mit wichtigen Akteuren. Solche Informationen können zum Beispiel unsere Arbeit mit den Regierungsbehörden bei der Landnutzungsplanung unterstützen. Die Resultate sind auch hinsichtlich der Massnahmen des Privatsektors nützlich. Denn sie helfen herauszufinden, wo ein Engagement mit Produzenten höhere Priorität hat, um bei der Ausweitung von Palmölplantagen Abholzungen zu verhindern.»

Heidis 52 Artikel über Palmöl

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