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Pestizide: Wissenschaftler warnen, Behörden verharmlosen!

16. Oktober 2015
Besonders in den Monaten Juni und Juli ist die Konzentration von Pflanzenschutzmitteln in viele kleinen Gewässer hoch.

Besonders in den Monaten Juni und Juli ist die Konzentration von Pflanzenschutzmitteln in viele kleinen Gewässer hoch.

Es läuft immer nach dem gleichen Schema: Wissenschaftler warnen vor schädlichen Substanzen, die Behörden verharmlosen im Stil: „Gift? Ich merk‘ nix!“ Ein bisschen Grenzwertüberschreitung, aber sonst ist die Welt in Ordnung. Systematisch schützen sie die Hersteller statt die Umwelt. Ist doch gut, sichert Arbeitsplätze, fördert das Wirtschaftswachstum! Cocktails? Aber bitte keine Pestizid-Cocktails!

Wird die zweite Stellungnahme der Endokrinen Gesellschaft vom 28.9.15 ernst genommen oder mit fadenscheinigen Argumenten beiseite geschoben? Jedenfalls sind die wissenschaftlichen Fakten für Gesundheitsschäden durch endokrine Disruptoren stark: Übergewicht und Diabetes, Beeinträchtigung der Fortpflanzung, Hormon-empfindliche Krebsarten bei Frauen, Prostatakrebs, Schilddrüse, Störungen der Hirnentwicklung und des neuroendokrinen Systems. Besonders gefährdet sind Fötus und Kleinkind.

Pflanzenschutzmittel mit endokrinen Disruptoren als Wirkstoff (hormonähnlichen Substanzen) sind Hauptverursacher für die durch Endokrine Disruptoren verursachten Gesundheitskosten in der EU von über 150 Milliarden Euro pro Jahr.

Die Endokrine Gesellschaft ist keine Stammtischrunde, sondern eine Organisation, welcher 18’000 WissenschaftlerInnen aus 100 Ländern angehören.

Executive Summary to EDC-2: The Endocrine Society’s Second Scientific Statement on Endocrine-Disrupting Chemicals, 28.9.15, Quelle Newsletter October 2015, Food Packaging Forum

Estimated Costs of Endocrine-Disrupting Chemical Exposure Exceed €150 Billion Annually in EU, 5.3.15

Hormonaktive Stoffe: 150 Milliarden Folgekosten, Kurt Marti, Infosperber vom 15.3.15, mit Informationen aus der Schweiz. Interessant ist die abwiegelnde Stellungnahme des Bundesamts für Gesundheit.

„21 Spritzmittel hat die «Rundschau» in einem Bach im Kanton Thurgau gemessen. Drei Giftstoffe liegen ein Mehrfaches über dem Grenzwert der Gewässerschutz-Verordnung.“ Was sagt die stellvertretende Direktorin des Bundesamts für Landwirtschaft, Eva Reinhard, dazu? «Von den gemessenen Konzentrationen geht sicher kein Risiko für Mensch und Umwelt aus.» Woher nimmt sie dieses sichere „Wissen“? Heidi meint: Dieses „Wissen“ gibt es nicht, das ist eine unhaltbare Behauptung. Pestizid-Cocktail im Bach, Rundschau vom 14.10.15, SRF.

Umweltgifte: Little Things Matter, Video von Bruce Lanphear, Professor, Faculty of Health Sciences, Simon Fraser University, Canada, Heidis Mist vom 15.3.15

Schon extrem kleine Giftmengen können die Entwicklung des Gehirns schädigen, dies mit dauerhaften Folgen.

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Verpackungen: Lassen wir uns verführen?

24. April 2015
15 verschiedene Reissorten bietet die traditionelle Kolonialwarenhandlung Schwarzenbach in Zürich auf kleinstem Raum an. Copyright Schwarzenbach.

15 verschiedene Reissorten bietet die traditionelle Kolonialwarenhandlung Schwarzenbach in Zürich auf kleinstem Raum an. Copyright Schwarzenbach.

Eine Papiertüte mit köstlichen Lebensmittel füllen lassen, das kann man seit 1864 bei H. Schwarzenbach im Zürcher Niederdorf an der Münstergasse 19. Ein einst „normales“ Verkaufskonzept wurde im Rahmen des Massenverkaufs bei Grossverteilern aufgegeben; meist lässt man die KundInnen nur noch bei verderblichen Produkten, wie Gemüse und Früchten, im Offenverkauf „selber nehmen“, was Verkaufspersonal spart und den unterschiedlichen Mengenbedürfnissen der Kunden Rechnung trägt. Der Offenverkauf wird von umweltbewussten ZeitgenossInnen wieder aufgenommen, etwa von Patrick Honauer, Bachser Märt, Kalkbreite Zürich, Verpackung? Nein Danke! Schweizer Familie, März 2015.

Der Offenverkauf schafft eine Beziehung zum Lebensmittel. Heute zahlen wir viel Geld für immer mehr Verpackung und Marketing. Man verkauft uns „Marken“, wo wir doch eigentlich tadellose Lebensmittel nachfragen. Doch diese Verführung ist nicht harmlos, denn aus den Verpackungen gelangen oft Schadstoffe in die Lebensmittel, verunreinigen sie. Eigentlich hat man keine Ahnung, welche Zusatzstoffe langfristig gesundheitsschädigend sind. Nicht umsonst bemüht sich die Bio-Branche um möglichst schadstofffreie und umweltschonende Verpackungen, siehe Best Practice, Verpackungsbeispiele für Bio Suisse Produkte, eine Studie des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL).

Wissenschaftler haben zum Studium des Problems der gesundheitsschädigenden Verpackungen das Food Packaging Forum (FPF) mit Sitz in Zürich gegründet. Dem Newsletter vom 23.4.15 hat Heidi einen Link zu einem Film von France 5 entnommen: Emballages: le grand déballage, vom 25.3.15. Das Verpackungsproblem wird aus den verschiedensten Perspektiven gezeigt.

Der Film zeigt auch Lösungen für den lebensmittel- und umweltverschmutzenden Verpackungswahn auf. Jane Muncke, wissenschaftliche Direktorin des FPF, fordert strengere Vorschriften sowie eine Einschränkung auf etwa fünf Plastikmaterialien, die gut untersucht sind und als unbedenklich befunden wurden. Auf die Vielfalt der Stoffe, denen wir über die Verpackungen ausgesetzt sind, macht der Toxikologe Thomas Backhaus, Universität Göteborg, aufmerksam. Wie sagt doch Heidi immer Die Mischung macht das Gift: Pestizide, Verpackungsgifte, Luftschadstoffe … Im Film hat auch Konrad Grob, Kantonales Labor Zürich, einen Auftritt: Migration von Schadstoffen aus Recycling-Karton. Ein aufschlussreicher Film, leider durch zahlreiche Werbeblöcke unterbrochen.

Frankreich scheint das Problem ernsthafter anzupacken als die Schweiz, z.B. Bisphenol A ist ab Juli 2015 verboten, siehe Lebensmittelverpackungen: Wir müssen handeln!, Heidis Mist vom 11.10.14. Die französische Bio-Branche kämpft aktiv gegen Überverpackung: Biocoop und Satoriz (eine 20-jährige Kette mit 28 Läden).

Zufall oder nicht? Titel einer Sendung von RTS, A bon entendeur vom 27.3.12 Poubelles: le grand déballage! Thema dieses Films ist in erster Linie das Abfall-Mengenproblem.

Was wollen wir essen? Marken oder tadellose Lebensmittel?

Nachtrag 27.4.15: Patrick Honauer meldete heute, dass der Bachser Märt, daran ist, das Konzept weiter zu verfeinern und per Sommer in allen Läden umzusetzen. Und eine Leserin aus der Westschweiz schrieb: „Ahhh ce magasin de la Kalkbreite je le connais:-) Il y avait d’ailleurs des superbes fromages!!!“

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Lebensmittelverpackungen: Wir müssen handeln! (2)

23. Oktober 2014

Heidi hat am 11.10.14 einen Artikel über den FPF-Workshop gefährliche Stoffe in Lebensmittel-Verpackungen? geschrieben. Nun sind die Vorträge der Veranstaltung als Video auf dem Internet abrufbar beim Food Packaging Forum (FPF). Also nichts wie los! Nur Englisch.

Hazardous chemicals in food contact materials?

Lebensmittelverpackungen: Wir müssen handeln! Heidis Mist 11.10.14

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Lebensmittelverpackungen: Wir müssen handeln!

11. Oktober 2014
Recycling-Kartons werden (wurden?) zum Verpacken von Lebensmitteln verwendet. Vergleich eines Verpackungskartons aus recycliertem Karton mit einem aus frischen Holzfasern. Das <a title="Wikipedia: Chromatographie" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Chromatographie" target="_blank">Chromatogramm</a> oben zeigt, dass im recyclierten Karton zahlreiche, zum grossen Teil unbekannte Substanzen enthalten sind (viele Peaks), u.a. krebserregendes Erdöl, während im Karton aus frischen Holzfasern die Zahl der Stoffe klein ist (wenige Peaks).  Diagramm: Konrad Grob, Kantonales Labor Zürich.

Recycling-Kartons werden (wurden?) zum Verpacken von Lebensmitteln verwendet. Vergleich eines Verpackungskartons aus recycliertem Karton mit einem aus frischen Holzfasern. Das Chromatogramm oben zeigt, dass im recyclierten Karton zahlreiche, zum grossen Teil unbekannte Substanzen enthalten sind (viele Peaks), u.a. krebserregendes Erdöl, während im Karton aus frischen Holzfasern die Zahl der Stoffe klein ist (wenige Peaks). Diagramm: Konrad Grob, Kantonales Labor Zürich.

Angenommen Heidi kauft Spaghetti. Sie nimmt eine Kartonschachtel aus dem Gestell, legt sie in den Einkaufkorb, platziert sie an der Kasse aufs Förderband und verstaut die Schachtel nach dem Zahlen im Rucksack. Zuhause versorgt Heidi die Spaghetti im Vorratsschrank, nimmt sie später zum Kochen heraus. Verpackungen sind in der heutigen Gesellschaft wichtig, etwa zum Schutze des Inhalts, aber auch für Werbung und Informationen. Doch sind die Verpackungen unbedenklich?

Die vielen Unbekannten

Wahrscheinlich sind es in der Grössenordnung von 100’000 Substanzen, welche in Lebensmittelverpackungen vorkommen, also 1000 mal mehr als Pestizide zugelassen sind. Die meisten davon kennt man nicht, weniger als 2000 wurden fachgerecht untersucht. Vermutlich stecken in Verpackungen auch Stoffe, die nicht einmal als Pestizide bewilligt würden. Kontrollen gibt es kaum. Diese erschreckende Nachricht präsentierte Konrad Grob vom Kantonalen Labor Zürich am Workshop Hazardous chemicals in food contact materials? vom 9.10.14, Veranstalter Food Packaging Forums (FPF). Fachleute aus Europa und den USA stellten Studien vor und informierten über die allgemeine Lage bei den Lebensmittelverpackungen.

Gesundheitsschädigende Stoffe mit hormonähnlicher Wirkung

Ausführlich behandelt wurde Bisphenol A, ein wissenschaftlich gut untersuchter Stoff mit hormonähnlicher Wirkung; er ist fast allgegenwärtig und zählt zu den endokrinen Disruptoren, den besonders besorgniserregenden Stoffen. Die möglichen negativen Auswirkungen von Bisphenol A auf die Gesundheit sind vielfältig, seit langem bekannt und durch wissenschaftliche Studien belegt. Doch die Industrie wehrt sich gegen ein Verbot. In Frankreich ist Bisphenol A ab Juli 2015 für jegliche Verpackungen von Nahrungsmitteln verboten. Die EU ist am Debattieren.

Risikobeurteilung schwierig – die Mischung macht das Gift

Das Hauptproblem ist, dass wir heute unzähligen Substanzen ausgesetzt sind, die oft schon in kleinen Dosen wirken. Die Zahl der möglichen Mischungen ist riesig. Über die Wirkung von Mischungen lässt sich nur spekulieren; systematische Untersuchungen sind also nicht möglich. Methoden zur zuverlässigen Risikobeurteilung von Verpackungen sind gefragt, z.B. Nestlé und Valspar Corporation AG arbeitet daran. Doch es fehlt an Wissen, Forschungsgeldern und an der Unterstützung durch die Politik. In der Schweiz arbeiten lediglich sechs WissenschaftlerInnen auf diesem Gebiet. Zwei Referenten bezeichneten die zuständige Behörde in den USA, die Food and Drug Administration (FDA), diesbezüglich als inkompetent.

Ein weiteres Problem ist der Ersatz eines als schädlich eingestuften Stoffes, denn oft sind Eigenschaften und Wirkung des Ersatzstoffes zu wenig bekannt; eventuell ist der neue Stoff noch schädlicher als die Substanz, welche er ersetzt.

Heidi ergänzt: Wenn schädliche Substanzen aus Verpackungen in Lebensmittel übergehen, wir sie aufnehmen und anschliessend ausscheiden, dann gelangen sie über die Abwasserreinigungsanlagen (mangelnde Filterung) auch in die Gewässer.

Handlungsbedarf offensichtlich

„We must act!“ Das war ein energischer Aufruf von Ana M. Soto, Professorin an der Tufts University, School of Medicine, Boston. Wissenschaftler müssten lernen, ihre Ergebnisse zu kommunizieren. Ana Soto ist Mitglied des Wissenschaftlichen Kommitees des FPFs, welches vor zwei Jahren als gemeinnützige Stiftung gegründet wurde, Präsident ist Martin Scheringer Privatdozent an der ETHZ.

Was macht die Schweiz? Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) glaubt, alles im Griff zu haben, verfolgt aber die Entwicklungen in der EU. Das Engagement für saubere Verpackungen scheint im BLV nicht allzu gross zu sein, meint Heidi. Und die Landwirtschaft? Eigentlich müssten sich die Bauern und ihre Vertreter dafür stark machen, dass ihre Produkte nicht durch Schadstoffe aus Verpackungen verunreinigt werden.

Weitere Informationen

Alle Referenten haben ihre Workshop-Präsentation zur Veröffentlichung freigegeben, siehe Hazardous chemicals in food contact materials?

Übrigens, Heidi kauft keine in Karton verpackte Spaghetti; sie kauft Tessiner von Terreni alla Maggia SA; diese sind in Cellophan verpackt; was darin allenfalls noch ist, das weiss sie nicht, denn die Inhaltsstoffe von Verpackungen müssen nicht deklariert werden, auch wenn sie noch so schädlich sind.

Der weise Alm-Öhi gibt Heidis LeserInnen folgende Tipps: Denken beim Einkaufen! Weitgehend auf verarbeitete Lebensmittel verzichten (Salat selber waschen…), Früchte und Gemüse auf dem Markt einkaufen oder im bedienten Offenverkauf (regionale und saisonale Produkte), keine Konserven (Innenbeschichtung!), Salatsauce für eine Woche in einer Glasflasche selber mischen … und natürlich Hahnenwasser trinken und gärtnern (auch wenn’s nur ein paar Töpfe auf dem Balkon sind.

Gift im Regal, Tagesanzeiger vom 29.7.14

Krebsgefahr durch Erdöl im Karton, SRF Kassensturz vom 8.2.11.

«Ich habe das lange unterschätzt»: Chemiker Konrad Grob Kantonales Labor Zürich, SRF Einstein vom 3.10.12.

Food Packaging Forum: How hazardous chemicals are managed in FCMs, Jenny Eagle, Food Production daily.com vom 9.10.14

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