Posts Tagged ‘Gewinn’

Die Klimakatastrophe ist kein Spiel

17. September 2022

Quelle: Climate disaster isn’t a game. When will the U.S. stop pretending it is? Ricia Anne Chansky Sancinito, The Washington Post 14.9.22

Ricia Anne Chansky Sancinito ist Professorin an der Universität von Puerto Rico, Senior Climate Justice Fellow am Humanities Action Lab und Mitherausgeberin von „Mi María: Surviving the Storm, Voices from Puerto Rico“. Sie schrieb in The Washington Post über das Unvermögen vieler, die Klimaerwärmung mit der nötigen Dringlichkeit anzugehen bzw. über jene, die sie verleugnen oder Profit daraus erwirtschaften.

Hurrican Simulator – ein Spiel

Eine Freundin schickte ihr kürzlich ein Foto von einem „Spiel“, auf das sie und ihr Sohn zufällig stiessen, als sie eine Pause vom Einkaufen für die Schule machten: Hurricane Simulator.

In der Beschreibung wird versprochen, dass die Spieler „hineingehen und sich wegpusten lassen können, ohne sich in Gefahr zu begeben“. Er lässt die Spieler „Winde bis zu 120 km/h spüren“, während ein 42-Zoll-LCD-Bildschirm „Animationen der physischen Zerstörung“ zeigt. Die Menschen können einen Sturm erleben, ohne der Gefahr von umherfliegenden Trümmern, steigenden Fluten und horizontalem Regen ausgesetzt zu sein. Die Veranstalter versprechen, dass der Simulator „nur zum Spass“ dient, was „einen grossen Gewinn für die Betreiber bedeutet!“

Die Freundin, die das Foto geschickt hat, stammt aus Puerto Rico und hat die Verwüstungen des Hurrikans Maria überlebt, der in diesem Monat vor fünf Jahren an Land ging. Genau wie ihr Sohn. Und Ricia Anne Chansky Sancinito auch.

Es ist für die Betroffenen seltsam, sich die Person vorzustellen, die in einen Hurrikan-Simulator steigen und sich die Animationen der Zerstörung ansehen möchte. Es ist schwer vorstellbar, dass ein gemeinsames Trauma – eines, das die 3,3 Millionen Menschen, die in Puerto Rico lebten, als Maria zuschlug, teilten – als Unterhaltung funktioniert. Aber sie nimmt an, es sollte nicht überraschen, dass es das Spiel gibt – und dass es ein Kassenschlager ist.

Alarmstufe ROT

Ricia Anne Chansky Sancinito: „Dass ein Unternehmen eine Katastrophe als Unterhaltung verpacken würde, macht Sinn, wenn wir an die weit verbreitete Wirksamkeit von Klimawandelleugnern denken, die die Auswirkungen von Unternehmen auf die Umwelt heruntergespielt haben, indem sie die Katastrophe von ihren sehr menschlichen Kosten getrennt haben.

Der jüngste Bericht des United Nations Intergovernmental Panel on Climate Change wurde von António Guterres, dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, als „Alarmstufe Rot für die Menschheit“ bezeichnet. Warum reicht eine solche Erklärung über eine so enorme Krise nicht aus, um mehr Menschen zum Handeln zu bewegen?“

Von Katastrophenkapitalismus, kolonialen Praktiken …

… „In umkämpften Gebieten wie Puerto Rico ist dies ein Notfall mit Folgen, die durch bestehende Ungerechtigkeiten, systemischen Rassismus, koloniale Praktiken und räuberische Manöver wie den Katastrophenkapitalismus, der private Profiteure auf Kosten des Rests von uns bereichert, noch verstärkt werden.

Während sich Puerto Rico auf den Höhepunkt der Sturmsaison 2022 vorbereitet, bricht unser kürzlich privatisiertes Stromnetz häufig zusammen, so dass viele Menschen ohne Strom sind. Tausende von Häusern sind noch nicht wieder aufgebaut worden. Der Zugang zur medizinischen Versorgung ist extrem schwierig. Und Schulen, Strassen und Gesundheitseinrichtungen sind nach wie vor in einem schlechten Zustand.“

Wann ist das Spiel zuende?

Ricia Anne Chansky Sancinito: „Was passiert, wenn wir uns in der Schneise eines weiteren Hurrikans der Kategorie 5 wiederfinden? Dies ist keine Simulation. Es ist keine Übung. Aber für die vielen Interessengruppen, für die Klimafragen zu weit von ihren eigenen Erfahrungen entfernt sind, um sich darüber Gedanken zu machen, oder zu unbequem, um sich darüber Gedanken zu machen, wenn es um die Gewinnspannen der Unternehmen geht, wird diese globale Krise nur ein Spiel bleiben – bis es für jeden von uns viel zu spät ist, um zu gewinnen.“

Lesen Sie hier weiter: Climate disaster isn’t a game. When will the U.S. stop pretending it is? Ricia Anne Chansky Sancinito, The Washington Post 14.9.22

 

Vom Wert der Natur

28. April 2014

Wieviel ist dieser Baum wert?

Wieviel ist dieser Baum wert?

Es ist Mode, allem einen Wert in Franken, $ … zuzuordnen. Auch die Natur bleibt davor nicht verschont. TEEB (The Economics of Ecosystems and Biodiversity) ist eine Berichtsreihe, in welcher Fachleute den Wert der Natur angeben, d.h. Preise für unterschiedliche Ökosystem-Dienstleistungen nennen. Allerdings räumen die Autoren ein, dass ihre eigene Leistungsfähigkeit eine Grenze hat: „… Die Erfassung des Gesamtwertes der Natur und ihrer Dienstleistungen ist dabei allerdings nicht vorgesehen, denn das ist unmöglich: Ohne die Natur gäbe es kein Leben. Das bedeutet letztendlich, dass der Wert der Natur unendlich ist …“. Nicht fehlen darf in diesem „Unternehmen“ eine Bank, die Bank of Natural Capital mit „Stocks & Investments“.

Auch der Schweizer Bauernverband befasst sich mit dem Bewerten nicht-marktfähiger Güter und Leistungen, liess er doch die wichtigsten Studien, welche die Landwirtschaft betreffen, von Robert Huber, Flury-Giuliani GmbH (Agrar- und regionalökonomische Beratung), zusammentragen. Im Blog Agrarpolitik berichtet Huber Über den Wert der Schweizer Landwirtschaft, 15.4.14. Diese Studien seien methodisch sehr unterschiedlich, wiesen grosse Lücken auf und basierten auf vielen Annahmen, so dass kein umfassendes Bild der nicht-marktfähigen Güter und Leistungen der Landwirtschaft entstehe. Daher würden diese in der agrarpolitischen Diskussion nicht berücksichtigt. Huber meint: „… Mit Blick auf die kommende Abstimmung über die Initiative für Ernährungssicherheit, welche eine wichtige Weichenstellung für die Ausrichtung der zukünftigen Agrarpolitik darstellen dürfte, könnte eine wissenschaftlich abgestützte und in der Landwirtschaft verankerte Schätzung des Werts der nicht-marktfähigen Güter und Leistungen hingegen ein zentraler Orientierungspunkt sein.“

Die Bewertung der Natur hat aber ihre Tücken, wie George Monbiot (Heidis momentane Lieblingslektüre) in seinem Artikel vom 22.4.14 Reframing the Planet schrieb. Er beginnt wie folgt: „George Orwell warned that the logical end of mechanical progress is to reduce the human being to something resembling a brain in a bottle, Der Weg nach Wigan Pier, George Orwell, 1937. This is a story of how it happens.“

Was ist geschehen? Smithy Wood soll zerstört werden, ein alter Wald, der vor 800 Jahren den Mönchen der Kirkstead Abbey dazu gedient hatte, Holzkohle herzustellen. Was vor ein paar Monaten undenkbar gewesen wäre, das ist heute Realität. Bisher konnten Ökosysteme zerstört werden, wenn anderswo für „Ersatz“ gesorgt wurde, ausgenommen war einzig der Wald. Doch im Januar hat der Umweltminister, Owen Paterson, diese Einschränkung fallen gelassen, dies mit der Begründung, das ein entsprechender Fall sehr unwahrscheinlich sei. Doch schon ist eine Tankstelle in Smithy Wood geplant, 60’000 neue Bäume sollen anderswo die uralten Eichen … ersetzen. Solches Biodiversitäts-Business ist in England gang und gäbe, die entsprechende Verbandelung ist gross. Die Umwelt sei ein Teil der Wirtschaft und müsse in diese integriert werden damit keine Wachstum-Chancen verpasst würden, das sagt der Vorsitzende des Natural Capital Committee (NCC), Dieter Helm. Das NCC wurde als unabhängiges (?) Organ geschaffen, das die Regierung beim effizienten und nachhaltigen Bewirtschaften der Naturschätze beraten soll.

So wird der Wert von unersetzlichen Naturwundern mit dem Gewinnpotenzial von Menschenwerk verglichen. Dieser Trend ist in der Schweiz stark spürbar, z.B. Windkraft statt geschützte Landschaft, Wasserkraft statt Moorlandschaft von nationaler Bedeutung, Häuser statt Wiesen und Felder, Waldstadt statt Wald … Und vielleicht viel mehr Geld für die Landwirtschaft oder Maisfelder soweit das Auge reicht. Die menschliche Zerstörungswut ist ungebrochen.

So sähe die Landschaft im oberen Bild ohne Baum aus, retouchiert von Heidi

So sähe die Landschaft im oberen Bild ohne Baum aus, retouchiert von Heidi

28.4.14 HOME


%d Bloggern gefällt das: