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Schweizer Nationalpark: Vom totalen Schutz zu den Interessen von Wasserkraft, Forstwirtschaft, Jagd oder Tourismus

26. April 2022
Wandern im Schweizer Nationalpark.

Der Schweizer Nationalpark – nur Idylle?

Jemand schrieb Heidi: „Habe die Petition bereits unterschrieben. Für mich ist es schon ein Unding, dass überhaupt ein Kraftwerk im Nationalpark vorhanden ist und dann noch das Zollfreigebiet Livigno, welches massenhaft Motorverkehr durch den Nationalpark generiert und das auch nur wegen des Tunnels für das Kraftwerk. Ganz so eine Oase, wie er geschildert wird, ist der Nationalpark nicht, was nicht so überrascht, wenn man seine Entstehungsgeschichte und all die „faulen“ Kompromisse dazu kennt. Gut nachzulesen in «Wildnis schaffen» von ETH-Historiker Dr. Patrick Kupper.“

Das war der Anlass für Heidi, den folgenden Beitrag zu schreiben.

Vision: ohne menschlichen Einfluss

Naturforscher hatten die Idee eines Parks, der vor jedem menschlichen Einfluss geschützt weden sollte. Eine treibende Kraft war auch Prof. Carl Schröter, der an der Vorgängerorganisation der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) lehrte und forschte. Er beschäftigte sich unter anderem mit Problemen der Land- und Forstwirtschaft zusammen mit Friedrich Gottfried Stebler, dem Gründer der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt in Zürich. Er berichtete in der Neuen Zürcher Zeitung vom 2.11.1906 über die erste Sitzung der Naturschutzkommission und bemerkte über die Val S-charl das Folgende:

„Dieses Tal würde sich vortrefflich zu einem schweizerischen Nationalpark eignen, wo keine Axt und kein Schuss erklingen dürfte; es hat reiche Arven-, Lärchen- und Fichtenwälder, wilde Legföhrenbestände, eine schöne Alpenflora und, wenn man ein Stück des anstossenden Ofengebietes dazu nähme, ausgedehnte Bestände der hochstämmigen Bergföhre, in denen noch der Bär haust …“ Wildnis sollte wiederhergestellt werden.

Im «Bundesbeschluss betreffend einen Schweizerischen Nationalpark Unterengadin», den das eidgenössische Parlament im März 1914 guthiess, steht:

„Art. 1. Auf dem vertraglich näher bezeichneten Gebiete der Gemeinde Zernez wird ein schweizerischer Nationalpark errichtet, in dem die gesamte Tier- und Pflanzenwelt ganz ihrer freien natürlichen Entwicklung überlassen und vor jedem nicht im Zwecke des Nationalparkes liegenden menschlichen Einflüsse geschützt wird.

Der Nationalpark wird der wissenschaftlichen Beobachtung unterstellt.“

Der Mensch und seine Interessen

Im Laufe der Jahrzehnte gaben die strengen Bestimmungen und Beschränkungen immer wieder Anlass zu Diskussionen. Dem Anspruch des totalen Naturschutzes standen andere Interessen gegenüber, etwa Wasserkraft, Forstwirtschaft, Jagd oder Tourismus.

Manche Abstriche an der anfänglichen strikten Schutzidee mussten hingenommen werden. Der Mensch konnte nicht aus dem Park verbannt werden. Der Nationalpark musste sich ein Stück weit dem Wandel der Zeiten anpassen, durfte aber auch die ursprünglichen Grundsätze nicht aufgeben.

Dies war «ein schwieriger Balanceakt, der nicht immer gleich gut gelang», schreibt der Historiker Patrick Kupper in seinem Buch „Wildnis schaffen“. Es hätte wohl geholfen, die Grenze zwischen dem Park und seinem Umland nicht so scharf zu ziehen und den Nationalpark «als das anzuerkennen, was er im Grunde war: eine künstlich kreierte und aufrechterhaltene Wildnis».

Errichtung der Spöltalsperre

Robert Hainard schrieb in seinem Buch „Naturschutzgebiete der Schweiz“:

„Das hervorstechendste Ereignis der Geschichte des Parkes seit seiner Gründung ist zweifellos die Errichtung der Spöltalsperre, die 1962 begonnen und 1970 fertiggestellt wurde. Die Talsperre befindet sich zwar am Punt dell Gall, oberhalb des Parkes und das Kraftwerk unterhalb, aber das Verschwinden (eines grossen Teils) des Hauptbaches des Gebietes (sowie einiger anderer, die ebenfalls gefasst wurden) bedeutet eine wesentliche Verletzung der Unversehrtheit unseres grossen Gesamtschutzgebietes.

Ich will hier nicht auf die komplizierte Geschichte des Projektes eingehen, die abwechselnde Empörung und Resignation und den Schlusskampf, in den ich eng verwickelt war. Er endete am 6. und 7. Dezember 1958 mit der Abstimmung über den Antrag zum Schutz des Parkes und der Volksabstimmung über das Spöl-Abkommen (500 993 Ja für die Ratifizierung des Abkommens mit Italien und 165 556 Nein).

Wie es das tragische Geschick oft will, musste die Entscheidung 10 oder 20 Jahre vor dem Reifwerden des Problemes getroffen werden. Es ist wohl nicht allzu verwegen zu behaupten, dass das Ergebnis heute anders wäre.“

Die unerträglichen Forderungen des Fortschritts

Der Künstler und Naturforscher Robert Hainard hatte sich beim geplanten Spöl-Wasserkraftwerk im Schweizerischen Nationalpark auf die Seite der Gegner geschlagen. „Es wird ein Zeitpunkt kommen, an dem die Forderungen des Fortschritts für jeden unerträglich sein werden“, sagte er damals. Hainard war nicht gegen den technologischen Fortschritt (er fuhr mit einem 2 CV), aber er verachtete diejenigen, die „nach und nach unsere letzten wilden Ecken, ästhetische und wissenschaftliche Werte, Quellen der Freude und des moralischen Fortschritts, in wunderbar geradlinige und von allem Leben gesäuberte Kulturen und Kanäle verwandelten.“

Unfall 2013 im Vorzeigeprojekt

Mit dem Restwasser wird versucht, das Leben im Bach unterhalb der Staumauer zu gewährleisten. Doch dann fielen Messinstrumente aus. Die Engadiner Kraftwerke (EKW) merkten nicht, dass das Restwasser im Spöl versiegte. Parkwächter schlugen Alarm, worauf die EKW am Grunde der Staumauer Wasser abliessen. Dabei floss eine unkontrollierbare Menge Schlamm den Bach hinunter, bedeckte das Bachbett auf einer Länge von sechs Kilometern und Tausende Fische und andere Lebewesen verendeten. Fünf bis zehn Jahre werde es gehen, bis sich die Tierwelt wieder erhole, schätzte ein Wasserfachmann der Eawag, dem Wasserforschungsinstitut der ETH.

PCB-Teilsanierung genügt nicht

Bereits am 18.3.21 schrieben Pro Natura Graubünden, WWF Graubünden und Aqua Viva in einer gemeinsamen Medienmitteilung:

„Im Jahr 2016 sind bei Unterhaltsarbeiten an den Anlagen der Engadiner Kraftwerke AG (EKW) hochgiftige PCB in den Fluss Spöl im Schweizerischen Nationalpark gelangt. Dabei wurde dieser auf seiner gesamten Fliessstrecke bis zum Ausgleichsbecken Ova Spin verunreinigt. Algen, Moose, Fische und die Bachsedimente bis in eine Tiefe von 50 cm sind heute stark mit PCB belastet, das Wasser teilweise ebenfalls. Im vergangenen Herbst wurde im Nationalpark ein toter Uhu mit einer exorbitant hohen PCB-Belastung gefunden, was zeigt, dass das Gift bereits in die Nahrungskette der Wildtiere gelangt ist.“

Die drei Organisationen fordern eine möglichst vollständige Sanierung der PCB-Belastung sowohl im Spöl als auch in den Kraftwerksanlagen und legen Beschwerde ein gegen die Sanierungsverfügung des Kantons.

Petition unterschreiben!

Das Unglück ist geschehen, nun gilt es den Schaden sofort und gründlich zu sanieren, trotz Rechtsstreit betreffend Übernahme der Kosten.

Haben Sie die Petition an Bundesrätin Simonetta Sommaruga noch nicht unterschrieben? Hier geht’s zum Online-Formular, Name und E-Mail genügt!

Petition Keine halben Sachen im Schweizer Nationalpark! Saniert endlich den Spöl!

Les combats de Robert Hainard, écologiste avant l’heure. Le temps 28.12.20

Bilder Robert Hainard

Bundesbeschluss betreffend die Errichtung eines schweizerischen Nationalparkes im Unter-Engadin. Bundesversammlung der Schweizerischen Eidgenossenschaft 3.4.14

Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Italienischen Republik über die Nutzbarmachung der Wasserkraft des Spöl. Abgeschlossen am 27. Mai 1957

Medieninformation ETHZ vom 14.3.12: «Wildnis schaffen – eine transnationale Geschichte des Schweizerischen Nationalparks», Patrick Kupper, Haupt-Verlag, 2012. ISBN 978-3-258-07719-2

Naturschutzgebiete der Schweiz. Robert Hainard, AVANTI-Verlag

Umweltgift PCB bedroht die Artenvielfalt im Nationalpark. Medienmitteilung Pro Natura Graubünden, WWF Graubünden und Aqua Viva 18.3.21

Künstlich fluten. Tagblatt 13.4.13

Petition „Keine halben Sachen im Schweizer Nationalpark! Saniert endlich den Spöl!“ Heidis Mist 20.4.22

Petition „Keine halben Sachen im Schweizer Nationalpark! Saniert endlich den Spöl!“ (2) Heidis Mist 21.4.22

26.4.22 HOME

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Palmöl-Frontgeschichten von Peter Jaeggi – Folge 6: Palmöl tötet (2)

18. Februar 2021

Am 12.2.21 veröffentlichte Peter Jaeggi die erste Kurzgeschichte von der Palmölfront: „Ein intimer Blick hinter die Kulissen der Palmöl-Industrie“. Täglich folg(t)en weitere Beiträge.

  • Folge 6 vom 17.2.21: Palmöl tötet (2)
  • Folge 5 vom 16.2.21: «Nachhaltiges» aus korrupten, armen Staaten
  • Folge 4 vom 15.2.21: Palmöl tötet (1)
  • Folge 3 vom 14.2.21: Landraub
  • Folge 2 vom 13.2.21: Kriminelle Palmölfirmen
  • Folge 1 vom 12.2.21: Indonesien: Palmölplantagen gefährden Nahrungsmittelsicherheit

Palmöl-Frontgeschichten: „Ein intimer Blick hinter die Kulissen der Palmöl-Industrie“. Peter Jaeggi vom 12.2.21 bis …?

Referendum Stop Palmöl!

Heidis weitere 64 Artikel über Palmöl

18.2.21 HOME

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Aktionsplan Biodiversität mit Lücken: Jagd auf potentiell gefährdete Arten

3. März 2018

Das Alpenschneehuhn und das Birkhuhn sind potentiell gefährdete Arten. Die Vogelwarte Sempach schätzte (2008 bis 2012) den Bestand des Alpenschneehuhns auf 10’000 bis 14’000 Paare, jenen des Birkhuhns auf 7’500 bis 10’000 Paare. Trotzdem dürfen sie geschossen werden.

Die Zahlen der offiziellen Jagdstatistik für 2016.

  • Total in der Schweiz erlegte Schneehühner:
    378, davon 224 im Kanton Graubünden, 96 im Wallis.
  • Total in der Schweiz erlegte Birkhähne:
    402, davon 112 im Kanton Graubünden, 177 im Wallis.

Walliser Kantonsparlament fordert Prüfung der Abschusszahlen

Die Bestände von Schneehuhn und Birkhuhn sind rückläufig. Dennoch sollen sie im Wallis wie bisher bejagt werden. Das schlägt der Staatsrat in seiner Antwort auf ein Postulat dem Walliser Parlament vor. Und weiter heisst es: „Schliesslich generiert die Raufusshühnerjagd insbesondere durch die ausländischen Patentnehmer, welche diese Jagd im Wallis betreiben, rund 75‘000 Franken jährlich. Mit diesen Patenteinnahmen wird ein Teil der Kosten, welche die Wildtierbetreuung der Dienststelle verursachen, gedeckt, und damit der Steuerzahler entlastet.“

Die Initianten des Vorstosses verlangen, dass der Staatsrat die Option einer Abschussreduktion für Birk- und Schneehühner prüft. Die Walliser Jägerschaft hält wenig von dieser Idee. Doch das Kantonsparlament nahm das Postulat mit 83 zu 42 Stimmen an.

Der Köder „Geld“ hat in diesem Fall nicht funktioniert!

Und Graubünden?

Robert Brunold, Präsident Bündner Patentjäger-Verband, sagte 2015 gegenüber SRF: „Die meisten Jäger möchten ein solches Tier (Schneehuhn) ausgestopft für zu Hause haben.“ Bei ebay, ricardo … sind sie für nur 50 bis 130 Euro erhältlich.

Auch im Kanton Graubünden ist die Jagd auf die begehrten Schneehühner und Birkhähne umstritten. Wildschutz Schweiz fordert deshalb in der Initiative «Für eine naturverträgliche und ethische Jagd» ein Verbot der Vogeljagd in Graubünden. Im Februar 2015 hat der Bündner Grosse Rat die Sonderjagdinitiative für ungültig erklärt – ihm waren allerdings Informationen vorenthalten worden. Das Bundesgericht kam am 8.11.17 zum Schluss, dass das Bündner Kantonsparlament die Sonderjagdsinitiative nicht für ungültig hätte erklären dürfen. Das Volk wird also das letzte Wort haben.

Für das Amt für Jagd und Fischerei hingegen scheint es keinen Handlungsbedarf zu geben. Aus dem Jahresbericht Jagd 2017 des Amts für Jagd und Fischerei Graubünden: „Insgesamt kann die jagdliche Nutzung des Niederwildes dank der Jagdplanung als nachhaltig beurteilt werden.“

Projekt Alpenschneehuhn der Vogelwarte Sempach

Zwischen 2000 und 2010 hat der Bestand des Schneehuhn in den Schweizer Alpen stark abgenommen (Wikipedia). Zitat aus den Ergebnissen des Projektes Alpenschneehuhn der Vogelwarte Sempach: „Der hier beobachtete Rückgang des Alpenschneehuhns zusammen mit dem aufgrund der Klimaerwärmung vorausgesagten Schrumpfen des Verbreitungsgebietes ist beunruhigend. Es ist deshalb wichtig, die Gründe für den Bestandsrückgang besser zu verstehen und daraus verschiedene Managementstrategien für die Erhaltung des Alpenschneehuhns in der Schweiz zu entwickeln.“

Alles klar? Es ist höchste Zeit, dass in der Schweiz die Jagd auf diese Vögel verboten wird.

Beschränkung der Jagd auf Birkhuhn und Schneehuhn, Antwort des Walliser Staatsrats auf das Postulat Wolf/Schmid vom 3.8.17

Wallis: Jagd auf Birk- und Schneehühner auf dem Prüfstand, Radio Rottu Oberwallis vom 17.11.17

Bejagung von Schnee- und Birkhühnern nicht mehr zeitgemäss, Medienmitteilung der Walliser Gesellschaft für Wildtierbiologie vom 9.11.17

Regierungsrat gesteht Fehler ein, SRF 6.12.17

Über Sinn und Unsinn der Vogeljagd, SRF 6.10.15

Rote Liste Brutvögel, Stand 2010, Bundesamt für Umwelt

Jagdstatistik Kanton Wallis 2016

Jahresbericht Jagd 2017, Amt für Jagd und Fischerei Graubünden

Alpenschneehuhn und Klimawandel, Projekt Vogelwarte Sempach

Sinnloses Abknallen des bedrohten Alpenschneehuhns, Kurt Marti, Infosperber vom 17.10.15

6.3.18 HOME


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