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Kennen Sie São Tomé e Príncipe? Paradies-Opfer für Palmöl

15. Dezember 2020
Briefmarke von São Tomé e Príncipe

Briefmarke von São Tomé e Príncipe

Nachhaltig ist heute alles, es kommt nur auf den Blickwinkel an, aus welchem man etwas betrachtet. Nachdem das indonesische und malaysische Palmöl trotz RSPO-Label etwas in Verruf geraten ist, suchen viele anderswo nachhaltiges Palmöl, z.B. in Afrika oder Südamerika. Bio Suisse hat jetzt für COOP „nachhaltiges“ Bio-Palmöl in São Tomé e Príncipe gefunden, siehe BIOAKTUELL 10/2020.

São Tomé e Príncipe ist der zweitkleinste Staat Afrikas, ein Inselstaat im Golf von Guinea. Er beherbergt eine Vielzahl von Vogelarten, z.B. grosse Bestände von Graupapageien, dann Frösche, Schlangen und Chamäleons. São Tomé e Príncipe ist ein Hot-Spot der Artenvielfalt, beherbergt viele Arten, die nur dort vorkommen.

Einst Kolonie von Portugal

Die zwei Inseln sind geprägt vom Kolonialismus. 1485 wurde die erste portugiesische Niederlassung gegründet. Sie diente als Umschlagplatz für den Sklavenhandel zwischen Afrika, Portugal, Brasilien und den karibischen Inseln, auch siedelte Portugal von der Inquisition ausgewiesene Juden sowie Strafgefangene hieher um. Ab 1572/3 war São Tomé direkt der portugiesischen Krone unterstellt. Plantagen wurden angelegt mit wechselnden Monokulturen wie Zuckerrohr, später Kaffee und seit 1850 Kakao, dann folgten Palmen, heute boomen Ölpalmen.

Die Kolonialherrschaft endete erst 1975. Seither wechseln sich Regierungen ab, die relativ instabil sind; und über Korruption wird berichtet.

Reisehinweise EDA für São Tomé e Príncipe

Das Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) schreibt:

  • Es kann sporadisch zu Spannungen und Demonstrationen kommen, bei denen Ausschreitungen und gewaltsame Zusammenstösse zwischen Demonstranten und den Sicherheitskräften möglich sind.
    Meiden Sie grosse Menschenansammlungen und Kundgebungen jeder Art
    .
  • Im Golf von Guinea kommt es zu Piratenüberfällen. Beachten Sie die spezifischen Informationen
  • Während der Regenzeit (Oktober bis Mai) sind die Strassen teilweise nur schwer passierbar. Benutzen Sie vorzugsweise ein Geländefahrzeug. Von nächtlichen Überlandfahrten wird abgeraten.
  • Es wird davon abgeraten, militärische Installationen, Flughäfen, Brücken, Bauten und Einrichtungen der Verwaltung und oder den Präsidentenpalast sowie öffentliche Gebäude zu fotografieren. Das Fotografieren solcher strategisch wichtigen Objekte kann zu Auseinandersetzungen mit der Polizei führen. Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz können mit mehrjährigen Gefängnisstrafen und Geldbussen bestraft werden. Die Polizei nutzt ihr Recht, jemanden längere Zeit festzuhalten, bevor offiziell Anklage erhoben wird. Die Haftbedingungen sind sehr schwierig.
  • Gleichgeschlechtliche Handlungen werden allgemein missbilligt.
  • Die medizinische Versorgung ist nicht gewährleistet. In der Regel verlangen Krankenhäuser eine Vorschusszahlung, bevor sie Patienten behandeln. Eigenes Verbandsmaterial und Wegwerfspritzen können sich als nützlich erweisen. Für die Behandlung ernsthafter Krankheiten und Verletzungen wird die Rückkehr nach Europa empfohlen …

Über einst wahre Naturparadiese und Heiligtümer

Weekend Premium berichtete am 29.12.19: „Im zu Ende gehenden Jahr haben die Medien der Welt über Brasilien und die Abholzung gesprochen, die den Amazonaswald in schwindelerregendem Tempo verarmt. Es gibt aber auch andere Orte auf der Welt, einst wahre Naturparadiese und Heiligtümer der Artenvielfalt, über die weniger gesprochen wird, denen aber das gleiche Schicksal droht …

Der Notstand in São Tomé heisst Entwaldung. Und die Schuld liegt bei den multinationalen Konzernen, die den Äquatorialwald durch Palmölplantagen ersetzt haben. Das Hauptprodukt dieser Pflanzen, das Palmöl, ist in der Tat billig, profitabel und vielseitig und kann auf der ganzen Welt nicht nur in der Lebensmittelindustrie, sondern auch in einer unendlichen Anzahl von Produkten, einschliesslich Kosmetika, Zahnpasta, Reinigungsmitteln und Biodiesel, verwendet werden. Alles jedoch auf Kosten von Natur und Umwelt.“

In São Tomé wurden seit 2010 etwa 1’800 Hektar Wald für Ölpalmenplantagen zerstört. Es wird mobilisiert, um diese Ausdehnung einzudämmen und den Wald und die lokale Bevölkerung zu schützen.

Das Imperium Socfin im Steuerparadies Schweiz

Socfin, ein Belgischer Konzern, ist weltweit führend auf dem Palmölmarkt. Er hat Anfang 2000 in São Tomé e Príncipe 5’000 Hektaren Landnahme ausgehandelt oder verhandelt für Industrieplantagen. Das ist kein Zufall, denn Belgien hatte in den Anbauländern Kolonien und investierte dort früh.

Das Socfin-Imperium ist seit über einem Jahrhundert in Afrika präsent. Dank der Übernahme alter Kolonialunternehmen verwaltet Socfin Ölpalmen- und Kautschukplantagen, die zu den bedeutendsten der Welt gehören. In Afrika hat Socfin in folgenden Ländern Niederlassungen: São Tomé e Príncipe, Demokratische Republik Kongo, Liberia, Nigeria, Ghana, Sierra Leone, Kamerun und Elfenbeinküste. Der französische Konzern Bolloré hält fast 40 Prozent der Anteile.

2010 hat Socfin den Firmensitz aus steuertechnischen Gründen in die Schweiz verlegt, nach Fribourg, da das Unternehmen hier lediglich 10 Prozent des Gewinns versteuern muss, gegenüber 34 Prozent in Belgien. Auch die Sozialabgaben für das Personal seien geringer in der Schweiz, gab Socfin in einem Interview mit La Liberté bekannt. Für diesen Standort ausschlaggebend waren auch private Kontakte von Führungskräften.

Seit Jahren wird Socfin wegen angeblicher Menschenrechtsverletzungen auf seinen Plantagen gerügt. Mehrere Klagen und Beschwerden wurden wegen angeblichen Fehlverhaltens eingereicht, darunter Unregelmässigkeiten bei Landerwerbsprozessen, schlechte Arbeits- und Wohnbedingungen und die fehlende nachhaltige Einbindung der lokalen Bauern. Socfin weist die Kritik zurück und sagt, das Ziel sei es, die Entwicklung in Afrika voranzutreiben und sicherzustellen, dass die lokalen Gemeinden und ihre Arbeiter davon profitieren.

So wird Socfin etwa Land Grabbing in Sierra Leone vorgeworfen. Das kirchliche Hilfswerk Brot für alle beschuldigt Socfin in einem im Februar 2019 veröffentlichten Bericht, mehr als zwei Dutzend Dörfer in Liberia für die Erweiterung von Kautschuk-Plantagen zerstört und deren Einwohner vertrieben zu haben.

Eine sehr detaillierte Geschichte über Socfin hat Mongabay im Juni 2020 veröffentlicht.

Romane über São Tomé und Príncipe

Als bedeutendster Romanautor auf São Tomé und Príncipes gilt seit seinem Roman „Tal der Illusionen“ (O Vale das Ilusões) von 1956 der neorealistisch geprägte Sum Marky (1921–2003). In „Am Altar des Gesetzes“ (No Altar da Lei) (1960) und in Vila Flogá (1963) etwa thematisierte er das Massaker von Batepá im Jahr 1953, als Gutsbesitzer mit Repressionen eine Welle der Gewalt gegen die schwarze Bevölkerungsmehrheit in São Tomé und Príncipe auslösten. Das Thema der kolonialen Unterdrückung nahm er auch in seinem letzten Roman „Chronik eines erdachten Kriegs“ (Crónicas de uma Guerra Iventada) (2001) wieder auf.

COOP und Bio Suisse auf kolonialen Pfaden

Bio Suisse stuft Palmöl als „kritischen Rohstoff“ ein, aber geht trotzdem Geschäfte mit einem Imperium ein, dessen Ruf schon nach wenigen Klicks im Internet vom Bildschirm heult. Per 31.3.21 ist Kakao und Palmöl von Agripalma (Socfin) aus São Tomé und Príncipes Bio Suisse zertifiziert: CERTIFICADO Basel, 31.01.2020, siehe auch Socfin -> Certifications.

Bio Suisse hat angeblich bereits in Kolumbien, Brasilien und Madagaskar „nachhaltiges“ Palmöl für COOP gefunden, siehe Heidi empfiehlt: Referendum „Stop Palmöl“ unterschreiben!

Bioaktuell 10/2020: „Bio Ostschweiz beantragte die Unterstützung des Referendums «Stop Palmöl» und damit die Nein-­Parole zum Freihandelsabkommen mit Indonesien. Weil Bio Suisse nicht
direkt betroffen sei, schlug der Vorstand vor, keine Parole zu
fassen. 48 Delegierte unterstützten das (34 Nein, 14 Enthaltungen).

Nachhaltiges Umdenken ist nötig

Es wäre an der Zeit, dass Verantwortliche in Organisationen, Politik und Industrie das Problem Palmöl in seiner ganzen Dimension erfassten, denn es geht weiter als nur zur zerstörerischen Produktion, sondern betrifft auch andere Aspekte wie Gesundheitsfragen, Umweltwirkungen von Transport und Mobilität, Klimaerhitzung usw. Wann endlich werden wir lernen?

Heidi meint: Die Suche nach „nachhaltigem“ Palmöl wird immer absurder.

Quellen

BIOAKTUELL 10/2020

São Tomé und Príncipe, Wikipedia

Bolloré, Wikipedia

Reisehinweise für São Tomé und Príncipe, veröffentlicht am 19.3.20, gültig am 15.12.20. Eidgenössisches Departement für
auswärtige Angelegenheiten (EDA)

Oil palm in Africa: past, present and future scenarios – 2013 update. Ricardo Carrere, World Rainforest Movement

L’EMPIRE SOCFIN – Part 1 – SAO TOMÉ. Micha Patault, Fotos 2020

Agripalma, Socfin.

Un empire très exotique à Fribourg, Socfin, Interview in La Liberté 28.6.17

Sao Tomé e Principe, un ecosistema a rischio per colpa dell’uomo. Weekend Premium 19.12.19

How the legacy of colonialism built a palm oil empire. Mongabay 26.6.20

Wie Kolonialismus und deine Handseife zusammenhängen. Mongobay 30.9.20

Degradationsrisiken tropischer Waldökosysteme – Multifaktorielle Fernerkundungs- und GIS-basierte Modellierung der Landschaftsvulnerabilität. Umgesetzt am Fallbeispiel von São Tomé. Inaugural-Dissertation Universität Heidelberg, Diplom-Geographin Signe Mikulane, 19.6.19

Kautschuk-Konzern vertreibt Bauern in Liberia. Brot für alle

São Tomé & Príncipe: Inseln der Illusionen Geo

Heidis weitere 40 Artikel über Palmöl

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Hans Rudolf Herren: Genügend und gesunde Nahrung für alle

21. Dezember 2016
Biovision hat ein vielfältiges Bauern-Informationsprogramm entwickelt, mit dem die LandwirtInnen mit lokal relevantem Wissen versorgt werden. Sie erhalten konkrete und praxisnahe Anleitungen zur Verbesserung der Erträge mit nachhaltigen Methoden. Im Bild The Organic Farmer Radio-Reporter John Cheburet, Kenia. Copyright: Peter Lüthi, Biovision

Biovision hat ein vielfältiges Bauern-Informationsprogramm entwickelt, mit dem die LandwirtInnen mit lokal relevantem Wissen versorgt werden. Sie erhalten konkrete und praxisnahe Anleitungen zur Verbesserung der Erträge mit nachhaltigen Methoden. Im Bild The Organic Farmer Radio-Reporter John Cheburet, Kenia. Copyright: Peter Lüthi, Biovision

Heidi: Wenn Sie jetzt keine Zeit haben, diesen langen Artikel zu lesen, dann beachten Sie bitte mindestens den letzten Absatz „Heidis Geschenk“. Vielen Dank!

Hans Rudolf Herren: „In einer Zeit, die geprägt ist von aggressivem Nationalismus, Profitgier, Intoleranz, wirtschaftlicher Unsicherheit und der Schwächung internationaler Institutionen mag eine Vision, deren Realisierung Weitsicht, weltweite Kooperation und die Bereitschaft zur Suffizienz erfordert, utopisch erscheinen. Doch wenn man an eine Sache glaubt, kann man Berge versetzen.“

Vision – Biovision

Die Vision: Eine Welt mit genügend und gesunder Nahrung für alle, produziert von gesunden Menschen in einer gesunden Umwelt.

Die Akteure: „… dafür braucht es uns alle. Helfen Sie mit! Danke.“

Die Institution: Mit dem Preisgeld des Welternährungspreises, den Herren 1995 als erster Schweizer erhielt, gründete er die Stiftung Biovision. Sie ist weltweit aktiv. Als einzige Schweizer Nichtregierungsorganisation (NGO) hat Biovision beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC) einen generellen konsultativen Status.

In der Schweiz leistet Biovision z.B. mit der Wander-Ausstellung CLEVER seit Jahren Aufklärungsarbeit für nachhaltigen Konsum.

Vom Bauernsohn zum international gefragten Agrarexperten

Hans Rudolf Herren, Co-Präsident Weltlandwirtschaftsrat. Copyright: Peter Lüthi, Biovision.

Hans Rudolf Herren, Co-Präsident Weltlandwirtschaftsrat. Copyright: Peter Lüthi, Biovision.

Hans Rudolf Herren ist ein Bauernsohn. Sein Vater verwaltete die Domaine des Barges der Tabakdynastie Burger Söhne im Unterwallis. Mit hochgiftigen Insektizide und Fungiziden ist er aufgewachsen. Nachdem er die Walliser Landwirtschaftsschule Châteauneuf besucht und an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich (ETHZ) Agraringenieur studiert hatte, schlug er mit seiner Dissertation beim Pionier der biologischen Schädlingsbekämpfung, Prof. Vittorio Delucchi, einen anderen Weg ein: Einsatz von natürlichen Feinden gegen schädliche Insekten statt Insektizide.

Herren und sein Team verhinderten eine grosse Hungersnot, indem sie mit ihrer Forschung zeigten, wie die in ganz Afrika grassierende Maniok-Schmierlaus mit Wespen und Marienkäfern erfolgreich bekämpft werden kann, ohne Chemie und für den Bauern kostenlos. Das war der Anfang einer Erfolgsgeschichte.

Von 1979 an wirkte Herren u.a. am Institute for Insect Physiology and Ecology (ICIPE) in Nairobi, dem er bis 2005 als Direktor vorstand. Seit 2005 ist er Präsident und CEO des Millennium Institutes in Arlington, Virginia (USA), das Politiker in über 40 Nationen bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen berät.

Mehr über seine Arbeit und die Preise, die er erhalten hat, auf Wikipedia.

Das Ernährungssystem der Erde ändern!

Die Erfahrung und das erworbene Wissen brachten Herren zur Einsicht, dass die Landwirtschaft, ja, das ganze Ernährungssystem der Erde grundlegend gewandelt werden muss. Sein hochgestecktes Ziel lautet:

Eine Welt ohne Hunger und Elend, in der alle Menschen gleiche Rechte geniessen, in Frieden miteinander und im Einklang mit der Natur leben. Die Grenzen, die unser Planet setzt, werden respektiert, Gewalt und Krieg geächtet. Die Bedürfnisse der kommenden Generationen stehen zuoberst auf der politischen Agenda, die natürlichen Lebensgrundlagen werden für sie regeneriert und bewahrt. Die Energieversorgung basiert zu 100% auf erneuerbaren Energieträgern.

So ernähren wir die Welt

In seinem Buch So ernähren wir die Welt beschreibt und analysiert Herren die Probleme, nennt Zahlen und zeigt Lösungen auf. Er versteht es, einfach und verständlich zu schreiben. Seine Vorschläge sind klar.

1. Hunger im Überfluss

Der Titel des ersten Kapitels deutet Probleme an: „Insgesamt isst heute etwa jeder zweite Mensch zu wenig, zu viel oder das Falsche … Ein Nahrungssystem, das einerseits zu viel und andererseits zu wenig gesunde und zugängliche Nahrung auf den Tisch bringt, kann kein Modell für die Zukunft sein…“ Ein paar Stichwörter: Verschwendung, zu viel Fleisch, zu arm für eine ausreichende Ernährung und das scheinbare Paradox: Nahrung ist zu billig.

2. Bedrohte Ressourcen

Unter den folgenden Untertiteln geht Herren auf die bedrohten Ressourcen ein und nennt Zahlen: Agrarland degradiert, Land Grabbing, Wassermangel, schwindende Biodiversität, Pestizide in der Umwelt und
Treibhausgase aus der Landwirtschaft.

Zum Beispiel 20% der Ackerflächen der Welt werden heute bewässert und 70% des globalen Süsswasserverbrauchs gehen auf das Konto der Landwirtschaft. Wasser wird zunehmend eine knappe Ressource der Nahrungsmittelproduktion.

3. Risiken des Klimawandels

Den Klimawandel und seine Folgen spricht Herren kurz an und schildert dann die fatalen Auswirkungen für Afrika. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht der auf Risikoanalysen spezialisierten britischen Firma Maplecroft zeigt, dass Afrika die grösste Last trägt, obschon dieser Kontinent kaum an den Ursachen des Klimawandels beteiligt ist. Für 32 Länder wird ein extrem hohes Risiko für massive Schäden infolge des Klimawandels genannt. So gut wie alle befinden sich in Afrika und Südasien, siehe Climate Change and Environmental Risk Atlas 2015.

4. Die Vision

Diversität statt Uniformität ist Herrens Ansatz für eine ökologische Landwirtschaft. Darunter versteht er nicht nur die Arten- und Sortenvielfalt auf Betriebsebene, sondern auch die Diversität der Anbausysteme. Agrarökologie umfasst eine Vielfalt von landwirtschaftlichen Methoden, die an die jeweiligen lokalen Bedingungen angepasst sind und lokal weiterentwickelt werden. Gemeinsam ist diesen Systemen der Grundsatz der ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Nachhaltigkeit. Herren beschreibt Punkt für Punkt welche Landwirtschaft ihm vorschwebt.

5. Wie erreichen wir unser Ziel?

Es brauche einen fundamentalen Kurswechsel in der Landwirtschaftspolitik und eine Neuorientierung der Agrarforschung zur Verwirklichung seiner Vision. Die Gelder, welche wir für die Transformation des Ernährungssystems einsetzten, verhinderten aber viel höhere Kosten für die kommenden Generationen: Es sind Investitionen in die Zukunft.

Der Kurswechsel bedinge eine grundlegende Neuausrichtung der Agrarforschung und -technik. Herren formuliert für die Forschung wichtige neue Fragen. „Dazu benötigen wir rund um den Erdball Tausende von Institutionen wie das Schweizer Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL). Es gibt nicht die moderne Landwirtschaft auf der Welt, sondern viele verschiedene.“

Herren schlägt auch einen besseren Informationsaustausch vor: „Wissen ist die einzige Ressource, die wächst, wenn man sie mit anderen teilt. Und sie muss wachsen … “ Der Wissenstransfer dürfe keine Einbahnstrasse sein: „Es gilt zu gewährleisten, dass das traditionelle und lokale Wissen, das ebenfalls für Innovationen genutzt werden kann, in die Agrarforschung einfliesst. Neue Partnerschaften zwischen Bauern, Forschern und Agrartechnikern können dies zum Vorteil aller gewährleisten.“

Im Folgenden sind die von Herren besprochenen Themen aufgeführt; die Titel allein schon deuten die Richtung an:

Auf Kleinbetriebe setzen
Faire Produzentenpreise
Ländliche Infrastruktur ausbauen
Position der Bäuerinnen stärken
Ökologischer Landbau
Landwirtschaftsböden schützen und regenerieren
Auf Pestizide verzichten
Wasser sparen
Biodiversität fördern
Landwirtschaftlicher Klimaschutz
Multifunktionalität
Verschwendung bekämpfen
Fairer Welthandel
Ernährungssouveränität
Neuausrichtung von Forschung und Technik
Wissen generieren und tauschen
Gentechnik bringt es nicht
Green Economy Report.

6. Neuer Lebensstil

Ein global nachhaltiges, Ressourcen schonendes und gesunde Nahrung anbietendes Ernährungssystem sei nicht nur die Aufgabe der BäuerInnen. Politik und Wirtschaft, besonders aber die KonsumentInnen seien gefordert, ihren Lebensstil zu ändern. Sie müssten etwa den Appetit auf Fleisch zügeln. Die chinesische Führung z.B. hat sich zum Ziel gesetzt, den Fleischkonsum im Land zu halbieren, d.h. auf 27 kg pro Jahr zu senken (Schweiz 51 kg).

Alles andere als nachhaltig sei auch unser Mobilitätsverhalten, welches sich unmittelbar auf die Welternährung auswirke, wenn auf Ackerböden Pflanzen für den Tank angebaut werden. Und wir sollten am Boden bleiben: „Jet-Set ist von gestern, wer seiner Zeit voraus sein will, bleibt am Boden …“

7. Weltagrarbericht und die Folgen

Die Weltbank und die Vereinten Nationen initiierten den Weltagrarbericht 2008, welcher den Titel Landwirtschaft am Scheideweg trägt. 400 Wissenschaftler aus der ganzen Welt arbeiteten über vier Jahren lang daran, Herren war Ko-Vorsitzender des Berichts. Darin wurde klar ein neues Paradigma gefordert: Wir können die Welt nur nachhaltig ernähren, wenn wir uns auf agrarökologische Methoden besinnen und mit der Natur und nicht gegen sie arbeiten. 58 Nationen unterzeichneten den Bericht, darunter auch die Schweiz, aber die Umsetzung der Vorschläge hat noch nirgends stattgefunden. (Kapitel 2. Bedrohte Ressourcen).

Nicht alle waren ob dem Bericht und dessen Botschaften erbaut, denn eine ökologische Landwirtschaft ist kein guter Kunde für Agrarkonzerne, die ihr Geld mit dem Verkauf von Saatgut für Hochertragssorten, Dünger und Pestiziden verdienen. Doch in vielen Ländern wird der Weltagrarbericht sehr ernst genommen. So lancierte etwa die Afrikanische Union eine Initiative zur Einführung der biologischen Landwirtschaft; sie wird bisher in acht Ländern umgesetzt.

Die UN-Welthandels- und Entwicklungskonferenz (UNCTAD) hat den Weltagrarbericht von Anfang an unterstützt. Wirkung entfaltet hat der Bericht auch bei der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und der UNO-Generalversammlung im September 2015 sowie der Weltbank und dem Internationalen Institut für Ernährungspolitik (IFPRI).

Herrens Vision in der Praxis

Im zweiten Teil des Buches bespricht Herren verschiedene Projekte. Dieser Teil ist reich an Schwarzweiss-Fotos. Die Titel weisen auf den Erfolg der angewandten Methoden hin und regen zum Lesen an, z.B. Die Mango weint nicht mehr, Der heilige Berg grünt wieder, Ziel: 100% Bio (Bhutan) …

Weiter wie bisher ist keine Option.

Dieser Satz steht irgendwo im Buch. In Anbetracht der heutigen Beeinträchtigung der Lebensgrundlagen durch die Landbewirtschaftung ist eine Agrarwende zwingend. Das Buch gibt viele Anregungen und zeigt Lösungen auf für eine Landwirtschaft, welche nicht nur als „nachhaltig“ bezeichnet wird, sondern es auch wirklich ist.

So ernähren wir die Welt, Hans Rudolf Herren, Verlag rüffer & rub, Reihe „rüffer & rub visionär“

Vom Funken zum Feuer

Anne Rüffer, Verlegerin: „Den Funken einer Idee, einer Hoffnung, einer Vision weiterzutragen und damit ein Feuer des persönlichen Engagements zu entzünden, das ist die Absicht, die wir mit unserer neuen Reihe – wir nennen sie »rüffer & rub visionär« – verfolgen.“
Verlag rüffer & rub

Heidis Geschenk

Möchten Sie, liebe Leserin, lieber Leser, das ganze Buch lesen? Dann schreiben Sie Heidi an nachfolgende Adresse. Sie wird Ihnen ein Exemplar gratis zustellen; mit Obergrenze bei sehr sehr vielen Anfragen, dann würde das Los entscheiden. E-Mail: heidismist at bluewin.ch

Zu viel oder zu wenig Wasser: Damit haben die Kleinbauern in Subsahara-Afrika je länger, je mehr zu kämpfen. Regenmangel und Trockenzeiten können mit Wassertanks besser überstanden werden. Copyright: Peter Lüthi, Biovision.

Zu viel oder zu wenig Wasser: Damit haben die Kleinbauern in Subsahara-Afrika je länger, je mehr zu kämpfen. Regenmangel und Trockenzeiten können mit Wassertanks besser überstanden werden. Copyright: Peter Lüthi, Biovision.

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Bodenfreikauf statt Spekulation

21. Januar 2013
Boden unter Druck. Wem soll der Boden gehören?

Boden unter Druck. Wem soll der Boden gehören?

Ein Helikopter nach dem anderen fliegt Richtung Davos. Der Lärm kündigt den Einheimischen das WEF mit den bekannten Behinderungen an. Im Amtsblatt bittet die Polizei die Bevölkerung um Verständnis für die vermehrten Flugbewegungen, auch nachts. Vom 22. bis 26. Januar 2013 treffen sich Leader aus der ganzen Welt. Sechs BundesrätInnen werden teilnehmen.

Ein beliebtes Thema ist das „grüne Wachstum“. Ewiges Wachstum auf beschränktem Raum gaukeln uns die Leader vor, halten beharrlich am Expansionskurs fest. Grundbedürfnisse wie Wohnen und Essen sind besonders betroffen, viele Menschen geraten deshalb in Not. Der Dachverband der gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften in Österreich beklagt: Er komme seinem Auftrag kaum mehr nach, die in den letzten Jahren stark gestiegenen Grundstückspreise machten Wohnraum unerschwinglich.

In der Landwirtschaft ist die Situation ähnlich. Kulturland wird überall auf der Welt zusammengekauft oder -geklaut. Das Konzept Solidarische Landwirtschaft ist in den 1960er Jahren in Japan entstanden. Bei Genf wurde 1978 die Kooperative Schlaraffengärten gegründet, Les jardins de Cocagne. Die Genossenschaft plant die Produktion, die Mitglieder erhalten Früchte und Gemüse und arbeitet zum Teil auch auf dem Felde. Ausgehend von einem Demeter-Betrieb sind heute 31 deutsche Bauernhöfe in „Solidarische Landwirtschaft, sich die Ernte teilen…“ zusammengeschlossen. In Frankreich und Österreich sind ähnliche Organisationen im Entstehen, wie Social Innovation Network berichtet.

„Bodenfreikauf – Land für solidarische Landwirtschaft“ ist das Thema einer Veranstaltung an der Universität für Bodenkultur in Wien vom 31.1.13. Es gebe immer mehr (junge) Menschen, die Landwirtschaft betreiben wollten, aber keinen Hof erben und nicht das Geld hätten, um einen zu kaufen. Auf der anderen Seite würden viele Höfe aus der Bewirtschaftung genommen, weil es keine HofübernehmerInnen gebe. Alternativen zur konventionellen Landwirtschaft und zum gängigen Besitz- und Marktdenken werden gesucht. Es geht um Land für jene, die es bewirtschaften, und um solidarische und ökologische Landwirtschaft. Den Boden dem Markt und somit der Spekulation entziehen, ein zukunftsweisendes Ziel, meint Heidi.

21.1.13 HOME


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