Posts Tagged ‘Wartefrist’

Herbizide: Die Stadt Thun spritzt regelmässig ihre Grünflächen

22. September 2019

Mit Herbizid behandelte Spielwiese in Thun. Copyright: Pia

Hallo Heidi

Ich habe gestern endlich einen Spielrasen fotografiert. Obwohl es schon etwas düster war sieht man die abgestorbenen Stellen. Die Stadt Thun spritzt ihre Grünflächen regelmässig mit Herbiziden. Die Sport- und Schulhausrasen dürfen dann 24 Stunden lang nicht betreten werden.

Du schreibst, dass für das Weiden von Rindern eine Wartefrist von zwei Wochen eingehalten werden muss. Reicht ein Tag für Kinder?

Freundliche Grüsse

Pia

Liebe Pia

Wiederbetretungsfristen für Sport-/Spielrasen habe ich im Internet keine gefunden, manchmal einen Verweis auf die Verpackung. Man geht davon aus, dass der Spritzbelag eingetrocknet sein muss, dann ist das Betreten mit Schuhen und Kleidung wahrscheinlich kein grosses Risiko. Die Kinder und Sportler essen ja das Gras nicht. Natürlich dauert es viel länger bis das Produkt abgebaut ist. In den USA müssen behandelte Felder mit einem Warnschild versehen werden.

Braucht es überhaupt Herbizide?

Im Rasen-Blog der Firma Hauert steht: „Wenn Sie auf den Einsatz von Unkrautvernichtern in Ihrem Rasen verzichten wollen, erfolgt die beste Vorbeugung gegen Unkräuter mit einer der Nutzung angepassten Düngung. Durch eine angepasste Düngung können Sie die Rasengräser optimal entwickeln und sind dadurch viel konkurrenzstärker als die Unkräuter.“ Diese Ansicht teile ich.

In Frankreich ist der Pestizideinsatz auf öffentlichen Flächen seit 1.1.17 verboten. Ein Video zeigt wie das so genannte „Lois Labbé“ kontrolliert wird: Contrôle loi Labbé des inspecteurs de l’environnement de l’Agence française pour la biodiversité. Vertrauen ist gut, Kontrolle besser!

In Italien versuchen bereits 70 Gemeinden pestizidfrei zu werden. Das betrifft nicht nur die öffentlichen Anlagen, sondern auch die Landwirtschaft. Berühmtestes Beispiel ist die Gemeinde Mals im Südtirol.

In Deutschland und Österreich gibt es zahlreiche Initiativen für pestizdfreie öffentliche Räume. So fand am 9./10.9.19 die 2. Fachtagung „Die pestizidfreie Kommune“ statt. Ziel der Veranstaltung ist gemäss Deutschem Umweltbundesamt, weitere Kommunen über die Möglichkeiten zu informieren, künftig auf den Einsatz von Pestiziden zu verzichten.

Und in der Schweiz? Auf freiwilliger Basis geben sich einzelne Gemeinden Mühe, den Pestizideinsatz einzuschränken, aber gesamtschweizerisch kann im Moment nur die Volksinitiative Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide eine wirkliche Veränderung herbeiführen. Im Rahmen der Kampagne „Food For Life“ von Greenpeace Schweiz haben Freiwillige im Herbst 2015 ihre Gemeinden bezüglich der Verwendung von Glyphosat und anderen chemischen Pestiziden befragt. Die ausgewerteten Ergebnisse wurden in eine interaktive Karte eingebettet und sind auf Meine pestizidfreie Gemeinde abrufbar. Die Angaben beschränken sich auf Gemeinden in den Kantonen Genf, Waadt und Zürich, Veränderungen in den letzten vier Jahren sind nicht berücksichtigt.

Weil in vielen Köpfen noch immer Bequemlichkeit und Wirtschaftlichkeit vor Umwelt und Biodiversität stehen, ist ohne gesetzliche Regelung und Kontrolle in der nahen Zukunft wenig Herbizidverzicht im öffentlichen Raum zu erwarten.

Du kannst ja Möchte-gern-PolitikerInnen zum Thema befragen und ihnen nahelegen, die Stadt Thun pestizidfrei zu machen, auch im Sinne der Tourismusförderung.

Herzliche Grüsse

Heidi

Die beste Zeit für die Bekämpfung von Unkräutern im Rasen, Hauert Rasen-Blog 27.4.17

2. Fachtagung „Die pestizidfreie Kommune“ vom 9./10.9.19, Deutsches Bundesumweltamt

Contrôle loi Labbé des inspecteurs de l’environnement de l’Agence française pour la biodiversité, youtube vom 1.4.19

Un esercito di Comuni dice no ai pesticidi, Il sole 24 ore, 7.9.19

Der Malser Weg

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Herbizide auf Alpweiden: Frage an Heidi von Heiri

17. September 2019
Blacken wurden mit Herbizid behandelt ... und schon weiden hier Rinder!

Blacken wurden mit Herbizid behandelt … und schon weiden hier Rinder!

Liebe Heidi

Heute (15.9.19) im Unterstafel der Glattalp gesehen. Fast alle Blackenblätter gelb, das Vieh weidet friedlich darin. Warum sind die Blacken gelblich? Jemand hat mir gesagt, dass das wegen Herbiziden ist! Darf dann das Vieh auf solchen Flächen geweidet werden?

Gruss
Heiri

Lieber Heiri

Nach dem Spritzen mit Herbiziden auf einer Rinderweide muss eine Wartefrist von zwei Wochen eingehalten werden. Wenn Kühe auf der Weide sind, die Milch geben, dann beträgt die Wartefrist drei Wochen. Du erwähnst das Spritzdatum zwar nicht, aber es sieht schon so aus, als ob hier erst kürzlich gespritzt worden sei.

Diese Wartefristen basieren auf einer Risikoabschätzung aus praktischer Sicht und entsprechen „durchschnittlichen“ Bedingungen. Wissenschaftlich lassen sie sich kaum begründen, jedenfalls habe ich keine entsprechende Publikation gefunden.

Offensichtlich wachsen hier Blacken fast in Reinkultur, also gibt es im Boden zu viele Nährstoffe. Eine Herbizidbehandlung ist in einem solchen Fall unsinnig, da die Blacken oder andere nährstoffliebende Pflanzen nach der Bekämpfung wieder aufkommen. Für die Flächenbehandlung müsste zudem eine Bewilligung des zuständigen Amts vorliegen.

Herzliche Grüsse
Heidi

Eine grosse Fläche mit Blacken zeigt an, dass hier Nährstoffe im Überschuss vorhanden sind.

Eine grosse Fläche mit Blacken zeigt an, dass hier Nährstoffe im Überschuss vorhanden sind.

Liebe Heidi

Danke für die Antwort. Glaubt denn wirklich jemand, dass in dieser Zeit keine Rückstände mehr in den Blättern sind?

Gruss
Heiri

Lieber Heiri

Die Zeit, die es z.B. für den Abbau der Hälfte von Glyphosat im Labor braucht, beträgt 49 Tage = DT50-Wert (Quelle: D, Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit). Der DT50-Wert für MCPA liegt bei 7 bis 14 Tagen; dieses selektive Herbizid wird auch für dieBlackenbekämpfung eingesetzt. Je nach Bedingungen ist die Abbauzeit extrem unterschiedlich. In höheren Lagen ist sie aufgrund der tieferen Temperaturen sicher wesentlich länger als im Mittelland. Wieviel Herbizid die Tiere, welche die behandelten Pflanzen fressen, im Körper wie schnell abbauen bzw. ausscheiden, das lässt sich nicht so einfach sagen. Man müsste das einmal untersuchen oder – besser: auf Alpen Unkräuter mechanisch bekämpfen und die Nutzung anpassen, so dass solche Blackenfluren gar nicht entstehen.

Vor etwa einem Monat fragte mich eine Leserin, ob man frisch gespritzte Blacken mähen und in Siloballen verpacken dürfe. Ich habe keine entsprechenden Abbaustudien gefunden, würde aber davon abraten. Gemäss Pflanzenschutzmittelverzeichnis des Bundesamts für Landwirtschaft ist eine Wartefrist für Grünfutter oder Konservierung von 3 Wochen vorgeschrieben.

Beste Grüsse
Heidi

Liste der bewilligten Herbizide gegen Wiesenblacken und Alpenblacken in Wiesen und Weiden des ÖLN-Betriebes

Heidis weitere 25 Artikel über Herbizide auf Alpen

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Aufregung auf der Alp zum Blumentod

5. Juni 2017
Ein Rind frisst Brennnesseln, die erst kürzlich mit Herbizid bespritzt worden waren. Copyright: Sophie T.

Ein Rind frisst Brennnesseln, die erst kürzlich mit Herbizid bespritzt worden waren. Copyright: Sophie T.

Heidis Telefon klingelte. Kaum hatte sie den Hörer in der Hand, legte Sophie am anderen Ende los, offensichtlich wütend:

Sophie: „Heidi, ich bin auf der Alp zum Blumentod. Soeben habe ich dir ein Foto geschickt. Schau dir das einmal an! Ein Rind frisst Brennnesseln, welche noch vor wenigen Tagen grün waren. Sie wurden inzwischen mit Herbizid bespritzt, auch blühende Pflanzen sind unter den Opfern. Darf man das? Brennnesseln sind doch gesund, und man sieht ja, dass die Tiere sie gern fressen, sogar mit Herbizid drauf!“

Heidi: „Auf der Alp zum Blumentod hat der Täter die Wartefrist nicht eingehalten. Sie beträgt für Tiere, welche keine Milch geben, zwei Wochen, für Milchkühe drei Wochen. Wenn das Herbizid den Wirkstoff Asulam enthält, dann darf es zudem nicht auf blühende Pflanzen ausgebracht werden.

Der Alpöhi sammelt Brennnesseln separat und lagert sie gut zugänglich auf dem Heustock damit er sie rasch zur Hand hat, wenn ein Tier kränkelt.

Erkläre bitte dem Bauern, dass seine Herbizid-Behandlung gegen die Vorschriften verstösst und du so etwas in Zukunft anzeigen wirst.“

Wo niemand hinschaut …

Video auf youtube: Rind frisst Brennnesseln, die mit Herbizid behandelt wurden.

Asulam, Pflanzenschutzmittelverzeichnis Bundesamt für Landwirtschaft.
Asulamrückstände in Löwenzahnblüten, AGRARForschung 12 (6): 248-253, 2005.

Höhere Alpungsbeiträge schaden der Biodiversität, Heidis Mist 15.7.16

HERBI Käse von der Alp „Zum Blumentod“, Heidis Mist 20.10.16

Alpkäse – Naturprodukt ohne Wenn und Aber? Heidis Mist 19.7.15

Alpkäse – Naturprodukt ohne Wenn und Aber? (2) Heidis Mist 21.7.15

Alpkäse – Naturprodukt ohne Wenn und Aber? (Leserbriefe) Heidis Mist 15.8.15

5.6.17 HOME


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