Von Pflanzenschutzmitteln, einem besorgten Forscher und aktiven Bürgern

19. Februar 2017
Die besten Labors der Welt sind nicht in der Lage, all die Stoffe, die beim Ab- und Umbau von Pflanzenschutzmitteln entstehen, zu analysieren und zu bewerten. Quelle: Unser Trinkwasser in Gefahr, NDR.

Die besten Labors der Welt sind nicht in der Lage, all die Stoffe, die beim Ab- und Umbau von Pflanzenschutzmitteln entstehen, zu analysieren und zu bewerten. Quelle: Unser Trinkwasser in Gefahr, NDR.

Prof. Klaus Kümmerer vom Institut für Umweltmedizin der Leuphana Universität in Lüneburg ist einer der renommiertesten Umweltchemiker Deutschlands. Er warnt vor den Folgen von mehr Arznei- und Pflanzenschutzmitteln in der Umwelt. Zitat aus Unser Trinkwasser in Gefahr, NDR fernsehen 30.5.16:

„Manche werden gar nicht abgebaut, diese sind dann persistent. Und manche – das sind eigentlich fast noch die Schlimmeren – die werden umgebaut oder teilweise abgebaut zu Stoffen, die wir gar nicht kennen, von denen wir auch nicht wissen, ob wir sie analysieren können. Wenn wir eine Analyse machen und wir ein Messsignal sehen, dann wissen wir da ist ein Stoff wir wissen aber nicht wie viele Stoffe vielleicht gar nicht durch dieses Messgerät angezeigt werden.“

Es gibt immer mehr Stoffe, Chemikalien und Medikamente, die in den Wasserkreislauf gelangen. Oft heisst es beschwichtigend, die Menge eines einzelnen Schadstoffes entspreche ja nur einem Stück Würfelzucker im Bodensee. Viele Pflanzenschutzmittel würden sich auch im Boden abbauen. Den Experten beruhigt das ganz und gar nicht. Im Erdboden gibt es viele chemische Reaktionsmöglichkeiten. Auch für Chemiker sind sie nicht vorhersehbar.

„Für mich ist die Schlussfolgerung aber eine ganz andere. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Stoffe gar nicht erst ins Wasser kommen, denn wir werden nie alle regulieren können. Wir werden auch nie für alle das Risiko abschätzen können. Dazu haben wir weder die Zeit noch das Geld noch die Methoden.“

Aktive Schweizer Bürger

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Brief aus der Westschweiz:

Die Unterschriftensammlung für die Volksinitiative für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide schreitet gut voran. Kein Tag vergeht, ohne dass wir  Dutzende von Briefen mit Unterschriften erhalten.

Insgesamt erhielten wir schon 34‘000 Franken zur Unterstützung der Initiative. Es ist ganz toll! Wir wollen mit dem auf wemakeit.ch eingereichten Projekt die nächste Arbeitsphase finanziell absichern.
  • Neue Videos in verschiedenen Landessprachen drehen
  • Unterschriftenbögen drucken lassen
  • Flyers erstellen
  • Briefmarken für die Beglaubigung der Unterschriften bezahlen
  • Noch 16‘000 Franken brauchen wir, um das Crowfunding zum Erfolg zu bringen!

HERZLICHEN DANK FÜR IHRE WERTVOLLE UNTERSTÜTZUNG

 Nehmen wir für die Gesundheit und die Umwelt selbst unser Schicksal in die Hand.

Laurent, Stéphanie, Edward, Olivier, Stéphane, Caspar, Etienne, Asia, Jean-Denis et Michael

Heidi: „Seit dem Eintreffen dieses Briefs vor drei Tagen und dessen Veröffentlichung sind weitere  4’870 Franken einbezahlt worden.“

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23.2.17 HOME

Konstant hohe Ammoniak-Emissionen: Lieber Asche auf den sauren Waldboden statt Taten

19. Februar 2017
Überschreitung der kritischen Belastungsgrenze für Stickstoffeinträge, 2010 (<a href="http://www.ekl.admin.ch/de/dokumentation/uebersicht/" target="_blank">Eidgenössische Kommission für Lufthygiene 2014</a>). Dargestellt sind alle Ökosysteme, d.h. Wälder, naturnahe Wiesen, Moore. Quelle: <a href="https://www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/47185.pdf" target="_blank">Optionen zur Kompensation der Versauerung von Waldböden und zur Verbesserung der Nährstoffsituation von Wäldern - Darstellung und Bewertung</a>, 15.2.17.

Überschreitung der kritischen Belastungsgrenze für Stickstoffeinträge, 2010 (Eidgenössische Kommission für Lufthygiene 2014). Dargestellt sind alle Ökosysteme, d.h. Wälder, naturnahe Wiesen, Moore. Quelle: Optionen zur Kompensation der Versauerung von Waldböden und zur Verbesserung der Nährstoffsituation von Wäldern – Darstellung und Bewertung, 15.2.17.

Die Ammoniak-Emissionen pro Hektare landwirtschaftlicher Nutzfläche betrugen im Durchschnitt der Jahre 2012/14 in der Schweiz 45 kg N pro Hektare oder total 47’500 Tonnen N. Dies ist im europäischen Vergleich der zweithöchste Wert, nach Holland. Auch im weltweiten Vergleich sind sie hoch. Die grössten Verluste entstehen bei der Hofdüngerausbringung: 46%.

Die Stickstoffeinträge überschreiten heute auf 95% der Waldfläche die kritischen Eintragswerte, oberhalb derer langfristig mit negativen Beeinträchtigungen zu rechnen ist. Dies führt zur Versauerung der Waldböden und damit zur Nährstoffverarmung. Zwei Drittel der Stickstoffeinträge stammen aus der Landwirtschaft. Ammoniakverlust ist auch Düngerverlust. Ammoniak schadet zudem unserer Gesundheit.

Die Stickstoffverbindungen aus dem Strassenverkehr und anderen Verbrennungsprozessen gingen dank verbesserter Technologien nach dem Maximum Mitte der 1980er Jahre zurück. Der damalige Bundesrat setzte sich tatkräftig für die Umwelt ein und erliess im Rahmen des „Waldsterbens“ wirksame Gesetzte. Hingegen waren die Ammoniak-Emissionen nur leicht rückläufig und stagnieren seit dem Jahr 2000 auf hohem Niveau. Sie stammen vorwiegend aus der Tierhaltung. Es besteht also dringender Handlungsbedarf, dies besonders deshalb, weil Massnahmen zeitlich stark verzögert wirken.

„Um die Ökosysteme vor übermässigen Stickstoffeinträgen zu schützen, müssen die Ammoniak-Emissionen aus der Landwirtschaft erheblich reduziert werden. Das entsprechende zeitlich nicht terminierte Umweltziel von jährlich maximal 25 000 t NH3-N/ha (BAFU/BLW 2008) und das Etappenziel von 41 000 t NH3-N/ha in der Botschaft zur Agrarpolitik 2014-2017 kann nur mit weiteren Anstrengungen zur Emissionsreduktion erreicht werden.“ Ammoniakemissionen, Agrarbericht 2016, Bundesamt für Landwirtschaft.

Asche als Walddünger?

Basensättigung für Waldböden, 0-40 cm Tiefe. Liegt die Basensättigung im Boden unter 40% (in der Farblegende dargestellt mit gestrichelter Linie), so ist mit negativen Beeinträchtigungen für das Ökosystem Wald zu rechnen. Quelle: swisstopo GK500, BLW (BEK).

Basensättigung für Waldböden, 0-40 cm Tiefe. Liegt die Basensättigung im Boden unter 40% (in der Farblegende dargestellt mit gestrichelter Linie), so ist mit negativen Beeinträchtigungen für das Ökosystem Wald zu rechnen. Quelle: swisstopo GK500, BLW (BEK).

Mit dem Postulat 13.4201 „Rückführung von Asche in den Wald als Sofortmassnahme gegen Bodenversauerung“ von Erich von Siebenthal vom 12.12.13 wurde der Bundesrat aufgefordert, gesetzliche Anpassungen zu prüfen und darüber Bericht zu erstatten, wie saubere Asche aus Holzheizungen, die unbehandeltes Holz verbrennen, in den Wald zurückgeführt werden können.

Viele Punkte sprechen gegen dieses Vorgehen. Die Fachleute beurteilen Asche als Walddünger wie folgt:

  • Umweltwirkung: problematisch
  • Volkswirtschaftliche Auswirkungen: negativ
  • Umsetzbarkeit: schwierig

Dies weil auch Aschen aus unbehandeltem Holz oft mit Fremdstoffen oder Schwermetallen belastet sind, welche sich im Waldboden akkumulieren könnten. Um dies zu vermeiden, müsste bei einer Ausbringung in den Wald ein hoher Kontrollaufwand betrieben werden. Wegen dieser Nachteile und des zu erwartenden hohen Vollzugsaufwandes wird von einer Holzascheausbringung im Wald abgeraten.

Detaillierte Information siehe Bericht des Bundesrates in Erfüllung des Postulats von Siebenthal.

Was sagen die Gesetze?

In der Dünger-Verordnung (DüV) ist Asche zu Recht nicht als Dünger aufgeführt. Dünger unterstehen einer Zulassungspflicht, um unannehmbare Nebenwirkungen für Mensch, Tier und Umwelt verhindern zu können. Die Prüfung der Dünger schützt besonders die Bauern vor unwirksamen und bedenklichen Produkten. Vielleicht gibt es tatsächlich einen sehr kleinen Anteil an Asche, welcher im Wald entsorgt werden könnte, denn viel mehr als das Loswerden von lästigem Abfall ist es in der Regel nicht. Der Aufwand dafür, diese „gute“ Asche zu finden, wäre in keinen Verhältnis zum Aufwand.

Asche gilt gemäss der Verordnung über die Vermeidung und die Entsorgung von Abfällen (VVEA) als Abfall und muss entsprechend gehandhabt werden: Deponie, Sammelstelle, Kehrichtsack. Doch immer wieder wird Asche illegal in der Natur entsorgt, auch grosse Mengen. Da und dort „düngen“ Bauern mit Asche ihre Wiesen.

Reduktion an der Quelle hat hohe Priorität

Massnahmen zur Reduktion von Ammoniak-Emissionen müssen dort greifen, wo die Schadstoffe entstehen. Die gesetzlichen Grundlagen und Zielwerte sind vorhanden, z.B. Umweltziele Landwirtschaft. Der Vollzug des Umweltrechts durch die Kantone ist effektiver zu gestalten und die möglichen Massnahmen sind konsequenter umzusetzen.

Steuerzahler zahlt und zahlt …

Bis zum Jahr 2014 hat der Bund für Ressourcenprojekte zur Minderung von Ammoniak-Emissionen 78 Millionen Franken ausgegeben. Die Kantone unterstützten die Projekte mit weiteren 21 Millionen. Die Massnahmen gehen auf Kosten der Steuerzahlenden. Korrekterweise müssten sie bei der Berechnung der Preise für Fleisch und Milch berücksichtigt werden. Vollkostenrechnung ist aber in der Landwirtschaft ein Fremdwort.

Symptombekämpfung

Waldbauliche Massnahmen könnten die Probleme entschärfen, z.B. der Verzicht auf Vollbaumernte, da in der Grünmasse überproportional viel Phosphor enthalten ist. Wenn im Unterboden noch Nährstoffe vorhanden sind, dann ist das Pflanzen von tiefwurzelnden Baumarten sinnvoll. Fehlen diese aber im gesamten Wurzelraum und ist der Boden sauer, dann könnten die Bodenverhältnisse mit Kalk verbessert werden. Die Basensättigung ist denn auch im Jura hoch, siehe Abbildung 2.

„In erster Linie gilt es, das Problem grundsätzlich anzugehen, und zwar mit klaren verbindlichen Vorschriften“, meint Heidi.

Die Natur steckt im Würgegriff der Ignoranten, Beatrix Mühlethaler, Infosperber, 17.2.17.

Bauern sind Umweltschützer. Wirklich? Heidis Mist 17.3.15.

Problematische Nährstoffverarmung und Versauerung der Waldböden, Medieninformation, Der Bundesrat, 15.2.17.

Optionen zur Kompensation der Versauerung von Waldböden und zur Verbesserung der Nährstoffsituation von Wäldern – Darstellung und Bewertung, Bericht des Bundesrates vom 15.2.17

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Nitrat: Deutschland hat die EU im Nacken – die Schweiz hört auf die Bauern

16. Februar 2017
Diese Gülle blieb auf dem abgeernteten Maisacker bis zum Pflügen im nächsten Jahr.

Diese Gülle blieb auf dem abgeernteten Maisacker bis zum Pflügen im nächsten Jahr.

Das Deutsche Bundeskabinett beschloss am 15.2.17, die Novelle der Düngeverordnung. Heute hat der Bundestag das angepasste Düngegesetz verabschiedet, um die Verordnung in Kraft zu setzen. Im März dann muss noch der Bundesrat dem Paket zustimmen.

Mit einem neuen Düngerecht reagiert die Bundesregierung auch auf eine Klage der EU-Kommission. Diese hatte Deutschland im November vor dem Europäischen Gerichtshof wegen anhaltend hoher Nitratwerte im Grundwasser verklagt. Deutschland drohen Geldstrafen in Milliardenhöhe. Als Ursache für die Nitratbelastung gelten der übermässige Einsatz von Gülle und stickstoffhaltigem Dünger in der Landwirtschaft.

Mit der neuen Düngeverordnung sollen u.a.

  • die Sperrzeiten, in denen keine Düngemittel ausgebracht werden dürfen, verlängert (1. Oktober bis 31. Januar) und
  • die Abstände für die Düngung in der Nähe von Gewässern ausgeweitet werden.
  • Zusätzlich sollen Gärreste aus Biogasanlagen in die Berechnung der Stickstoffobergrenze (170 Kilogramm pro Hektar) einbezogen werden.
  • Zum Verringern von Ammoniak-Emissionen muss die Gülle in Zukunft innert vier Stunden in den Boden eingearbeitet werden; der Vorschlag „innert einer Stunde“ wurde gekippt.
  • Die neu eingeführte Stoffstrombilanz soll helfen zu prüfen, ob landwirtschaftliche Betriebe die Düngevorschriften einhalten oder nicht.
  • Darüber hinaus werden die Länder zum Erlass von zusätzlichen Massnahmen in Gebieten mit hohen Nitratwerten im Grundwasser verpflichtet. Dies gilt auch für Regionen, in denen stehende oder langsam fliessende oberirdische Gewässern insbesondere durch Phosphat zu stark belastet sind.

„Das Land Nordrhein-Westfalen fordert vom Bund seit mehr als fünf Jahren eine angepasste Düngerverordnung. Fünf Mal schon hat der Bundeslandwirtschaftsminister eine Vorlage angekündigt“, kritisiert der NRW-Umweltminister Johannes Remmel.

Umweltschützern gehen die Regelungen nicht weit genug. Auch herrscht Skepsis, dass Deutschland damit wieder den EU-Vorgaben entsprechen wird. Der Bauernverband sieht noch Nachbesserungsbedarf, wichtig sei jetzt Planungssicherheit für die Landwirte. Zu viele Ausnahmen gebe es immer noch, findet der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, und er fordert einen absoluten Düngerstopp, wenn Grenzwerte im Grundwasser überschritten sind. In der Anhörung betonte Kirsten Tackmann, Die Linke, dass jedes Gesetz nur so gut sei wie der Vollzug. „Oh – wie wahr“, meint Heidi.

Und in der Schweiz?

  • Die Bauern wollten keine Sperrzeiten, obwohl gewisse Kantone damit gute Erfahrungen gemacht hatten. Also gibt es in der Schweiz keine Sperrzeiten, welche verlängert werden könnten!
  • Bei uns wurden die Pufferstreifen auf Wunsch der Bauern anlässlich der Revision der Gewässerschutzverordnung (GSchV) per 1.1.11 verkleinert, dies vor allem dort, wo die Kantone keinen Gewässerraum ausscheiden (Messung Pufferstreifen ab Uferlinie statt ab Böschungsoberkante). Und die Kantone bekommen laufend mehr Freiheit bei der Ausscheidung des Gewässerraums, z.B. kein Gewässerraum für „sehr kleine Gewässer“, wobei dies für den Innerschweizer Bauernbund Gewässer bis zu einer Gerinnesohle von 2 m sind, d.h. 80% der Gewässer wären betroffen, wenn man auf sie hören würde. Die definitive Version der neuen GSchV ist noch nicht veröffentlicht.
  • Pufferstreifen werden, nicht nur an Gewässern, vielerorts systematisch missachtet. Es mangelt an Vollzug!
  • Wenn die Gewässer arg verschmutzt sind, dann erhalten die Bauern Geld für standortgerechte Bewirtschaftung auf der Basis von Art. 62 des Gewässerschutzgesetzes.
  • Schweizer Unsitte: Im Herbst Gülle oder Mist auf Äcker, auch Maisfelder, ausbringen und erst im Frühling pflügen; keine Winterbegrünung.

Die reiche Schweiz ist kein Vorbild. Statt Vorsorge werden Probleme lieber auf die lange Bank geschoben, eine zweifelhafte Strategie!

Bundestag beschliesst Änderung des Dünge­gesetzes, Deutscher Bundestag, 16.2.17

Gülleflut gebremst? Bundeskabinett beschließt Novelle der Düngeverordnung, Lebensraum Wasser 15.2.16

Weg frei für neues Düngerecht, Medienmitteilung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit 12.1.17.

In NRW besonders viel Nitrat im Grundwasser, WDR 3.1.17.

Weitere Verwässerung des Gewässerschutzes verhindern! Heidis Mist 27.7.16.

Gewässerschutzprojekte: Sind sie nachhaltig? (4) TOTAL Bundesbeiträge bis Ende 2014, Heidis Mist 6.8.15.

Gülleausbringung: Diese Geräte sind seit 1. Januar 2016 verboten, agrarheute 31.1.17.

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Bei der Haarpflege ans Wasser denken!

12. Februar 2017

Wenn es um die Reduktion von Gewässerverschmutzungen geht, dann verweisen die angesprochenen Bauern und ihre VertreterInnen gerne auf andere Dreck-Quellen. Erst kürzlich erwähnte ein Branchenvertreter die Haarzunft. Ihm geht der Aktionsplan zur Risikoreduktion und nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln viel zu weit, denn er sieht weder Reduktionsbedarf noch -möglichkeit.

Die Verschmutzungen durch Haarpflegemittel sind zwar wissenschaftlich kaum untersucht, das Ausmass ist jedoch um Grössenordnungen kleiner als jenes der landwirtschaftlichen Verschmutzungen. Aber es gibt problematische Stoffe, welche in Bäche und Flüsse gelangen, weil sie zum Teil in den Abwasserreinigungsanlagen nicht entfernt werden.

Nicht selten enthalten Haarpflegemittel Stoffe, welche auch die Gesundheit der Coiffeure und ihrer KundInnen gefährden, etwa hormonähnliche oder Allergene, siehe BBF – Internationale Bewegung bewusster Friseure gegründet, Heidis Mist 12.3.16.

Was können wir tun?

  • Wir: Das Problem mit unserem Coiffeur oder der Hair Designerin besprechen, unbedenkliche Produkte verlangen, auf den „natur haar Kongress“ in Bern hinweisen.
  • Coiffeur: Produkte kritisch hinterfragen, Mitglied werden bei der Internationale Bewegung bewusster Friseure.
  • Wir: Unsere eigenen Pflegemittel unter die Lupe nehmen und allenfalls auf andere umsteigen.
  • Wir: Bekannte, ArbeitskollegInnen … informieren.
  • JournalistInnen: Schreibt doch wieder einmal darüber, besucht den Kongress in Bern!
  • Bahnreisende, welche am 13. März 2017 in Bern sind: Auf zur Welle 7! Sie befindet sich unmittelbar beim Bahnhof Bern. Es gibt am Kongress z.B. einen Büchertisch für neue Impulse, oder vielleicht ergibt sich ein Gespräch an der Ausstellung.
  • Bundesangestellte: Schaut vorbei und lässt euch vom Enthusiasmus der Natur-Coiffeur-Zunft anstecken, von ihrem Engagement für sich selbst, die Natur und unsere Zukunft. Ohne staatliche „Anreize“! Zum Wohle der Gewässer und der Gesundheit.

Am Kongress teilnehmen wird auch die Naturfriseurin Bèatrice Raas, welche im Herbst 2016 den CULUMNATURA®-Umweltpreis erhielt. Umweltpreis-Verleihung am 1. Internationalen Tag der Naturfriseure, Heidis Mist 14.10.16.

„natur haar Kongress“, 13.3.17 in Bern, Welle 7, Deck 2.

13.2.17 HOME

Anzeige Gewässerverschmutzung: juristische Stolpersteine

9. Februar 2017

Eine Bündnerin kam mit einem Ladeninhaber in Zürich ins Gespräch. Der Maiensäss-Besitzer ist sauer auf die Bündner Behörden: „Überfallsmässig kamen sie, beanstandeten die Mistgrube, sie sei nicht dicht. Und sie verurteilten mich zu einer Busse und Strafe.“ Die Bündnerin zu Heidi: „Ich verstehe das nicht. Du sagst doch immer, dass die Bündner Behörden gerne beide Augen zudrücken, auch bei augenfälligen und willentlichen Gewässerverschmutzungen.“

Heidis Antwort: „Es kommt eben drauf an, WER Gesetze missachtet. In Graubünden herrscht ein Gewässerschutz-Zweiklassen-System: Für den Gewässerschutz in der Landwirtschaft ist das Amt für Landwirtschaft und Geoinformation (ALG) verantwortlich, für die Übrigen das Amt für Natur und Umwelt.“ Entsprechend unterschiedlich ist der Vollzug. Ausrede des ALG: „Es fehlen uns die Ressourcen.“

Anzeigeberechtigung JA

Wir alle dürfen Gewässerverschmutzungen anzeigen. Doch wir erfahren in der Regel nicht, ob die VerursacherInnen bestraft wurden oder nicht. Nur wenn wir einen persönlichen Schaden hieb- und stichfest beweisen können, die Schadensumme nennen und das Vergehen auch den Gesetzen entsprechend einklagen, dann erhalten wir die gewünschten Informationen. Wenn „bloss“ die Umwelt verschmutzt wurde, dann erfahren wir nicht, ob und wie gehandelt wurde.

Was tun, wenn wir „bloss“ eine Umweltverschmutzung eingeklagt haben, das Verfahren von der Staatsanwaltschaft eingestellt wurde und diese uns den Entscheid schickt mit dem Hinweis: „Rechtsmittel (Art. 393 ff. StPO). Gegen diese Einstellungsverfügung kann innert 10 Tagen seit der Zustellung schriftlich und begründet bei Kantonsgericht von Graubünden, 7000 Chur, Beschwerde erhoben werden.“ Heidi empfiehlt, einen solchen Aufruf nicht zu beachten, denn er gilt nur für die Beschuldigten, obwohl dies nicht explizit geschrieben steht.

Beschwerdeberechtigung NEIN

Heidi, die Nichtjuristin, hatte Beschwerde gegen den Einstellungsentscheid der Staatsanwaltschaft eingelegt, da klare Beweise und zahlreiche Indizien vorliegen. Das Kantonsgericht trat auf die Beschwerde nicht ein, denn das Gewässerschutzgesetz schütze öffentliche Interessen, weshalb die Beschwerdeführerin nicht zur Beschwerde legitimiert sei. Diesen Sachverhalt bestätigte auch ein Jurist, den Heidi daraufhin konsultiert hatte. Also kein Rekurs ans Bundesgericht! Ist der abschliessende Absatz der detaillierten Ausführungen des Kantonsrichters ein kleiner Trost?

„… dass der Beschwerdeführerin bei diesem Ausgang des Verfahrens eine nach Art. 10 in Verbindung mit Art. 8 der Verordnung über die Gerichtsgebühren in Strafverfahren (VGS; BR 350.210) reduzierte Gerichtsgebühr von CHF 1’000 auferlegt wird (Art. 428 Abs. 1 StPO).“

An dieser Stelle sei dem von der Staatsanwaltschaft für Abklärungen zugezogenen Polizisten gedankt, denn er hat die Sache unvoreingenommen und objektiv angepackt. Heidis Gesamtkosten „mangelnder Vollzug durch die Bündner Behörden“ belaufen sich jetzt auf mehr als 12’000 Franken, siehe Mangelnder Vollzug kostet … am falschen Ort, Heidis Mist 10.12.14.

Die Freiheit des Einzelnen hört dort auf, wo das Recht des Anderen beginnt. Wenn es um den Bezug von Bundesgeldern geht, dann werden die Gesetze "überinterpretiert". Doch vom Gewässerschutz wollen die Behörden hierzulande lieber nichts wissen. Foto: Rathaus im Heididorf Maienfeld.

Die Freiheit des Einzelnen hört dort auf, wo das Recht des Anderen beginnt. Wenn es um den Bezug von Bundesgeldern geht, dann werden die Gesetze „überinterpretiert“. Doch vom Gewässerschutz wollen die Behörden hierzulande lieber nichts wissen. Foto: Rathaus im Heididorf Maienfeld.

In Anbetracht der zehnjährigen Gewässerverschmutzungs-Geschichte stellt Heidi den zwei von ihr Beschuldigten eine äusserst schlechte Legalprognose. Der Bau eines Anschlusses an die Meteorwasserleitung der Gemeinde durch die Gemeinde im Spätherbst 2016 wirft Fragen auf. Es ist daher schon möglich, dass das offene Gewässer in Zukunft einigermassen sauber sein wird.

Ein sehr gut informierter Beamter der Bündner Kantonsverwaltung hatte Heidi vor Jahren mitgeteilt, dass Anzeigen wegen Gewässerverschmutzung durch Bauern systematisch schubladisiert würden. Nun weiss Heidi, dass auch die Schubladen der Staatsanwaltschaft gross sind.

Vorgehen bei Gewässerverschmutzungen

Heidi empfiehlt Ihren LeserInnen, bei Gewässerverschmutzungen wie folgt vorzugehen, denn andere Wege, z.B. über die Gemeinde, sind nicht zielführend. Amt für Umwelt des Kantons Thurgau, Anleitung „Alarmierung“:

Rufen Sie sofort an. Meldungen am Folgetag oder später führen oft zu keinem Resultat!
Der Faktor Zeit entscheidet meist darüber, ob die Ursache einer Gewässerverschmutzung gefunden und der Schaden eingegrenzt werden kann. Nur bei sofortiger Meldung können die Einsatzkräfte rechtzeitig aufgeboten und die nötigen Massnahmen eingeleitet werden.

Wem melde ich?
Wenn Sie eine Gewässer- oder Bodenverschmutzung feststellen, melden Sie diese sofort der Kantonspolizei (Telefon 117).

Was melde ich?
Nennen Sie Ihren Namen sowie Ihre Telefonnummer für Rückfragen und informieren Sie über:

  • Ort (so genau wie möglich)
  • Art und
  • Ausmass des Geschehens.

Und dann?
Die Polizei rückt aus und kümmert sich um die Schadenbehebung und die Beweissicherung. Der Umwelt-Pikettdienst wird von der Kantonspolizei/den Einsatzkräften aufgeboten.

Gelangen wassergefährdende Stoffe in die Umwelt, ist meist nicht nur das sichtbare Gewässer betroffen, sondern auch das Kanalisationsnetz oder das Grundwasser, und damit unser Trinkwasser. Oftmals könnten solche Verschmutzungen durch Achtsamkeit und einfache Massnahmen verhindert werden.

9.2.17 HOME

Von Pflanzenschutzmitteln, Alkohol und Direktzahlungen

4. Februar 2017
Diese Porzellan-Puppe war das Einzige was Martha mitnehmen konnte, als sie ein paar Jahre später zusammen mit ihrer Mutter das Haus fluchtartig für immer verlassen musste. Ihr Vater schlug jeweils unter Alkoholeinfluss zu, zertrümmerte Möbel und traf auch die Mutter. Foto 1917.

Diese Porzellan-Puppe war das Einzige was Martha mitnehmen konnte, als sie ein paar Jahre später zusammen mit ihrer Mutter das Haus fluchtartig für immer verlassen musste. Ihr Vater schlug jeweils unter Alkoholeinfluss zu, zertrümmerte Möbel und traf auch die Mutter. Foto 1917.

Alkohol ist grundsätzlich schädlich. Es gibt keinen „sicheren“ Grenzwert für den Konsum alkoholischer Getränke. Mit einer Stunde Bewegung täglich lassen sich die negativen Auswirkungen dämpfen. Allerdings kann Alkohol die Kreativität fördern und die Stimmung heben. Special Report Alcohol, New Scientist 3.12.16 (auf Anfrage erhältlich bei Heidi heidismist at bluewin.ch).

Zitat aus der Jubiläumsschrift 100 Jahre Alkoholgesetz 1887-1987: „Die schweizerische Alkoholordnung wurde 1885 bis 1887 geschaffen, um dem Elend entgegenzuwirken, das aus dem übermässigen Konsum von Kartoffelbranntwein weiter Bevölkerungskreise entstanden war…“ In seinem Roman Der Immune schreibt Hugo Loetscher: „Der Junge hatte sich anfänglich mit dem gewehrt, was ihm spontan zur Verfügung stand. Er hatte geweint, wenn der Vater betrunken nach Hause kam; er hatte gezittert, wenn dieser nur schon die Arme hob; er hatte gebettelt, gefleht und die Faust gemacht…“

Fragwürdige Förderung von „Alkohol-Pflanzen“

Einen Grund für die staatliche Förderung von Pflanzen, welche der Produktion von alkoholischen Getränken dienen, gibt es also nicht. Und doch unterstützen wir mit Steuergeldern den Rebbau, der grösstenteils der Produktion von Wein dient. Und ausgerechnet die Reben benötigen für ihr Gedeihen besonders viel Pflanzenschutzmittel (PSM): 370 Tonnen pro Jahr, v.a. Fungizide. Bis heute gibt es keine aufgeschlüsselte Statistik über die von den Landwirten verwendeten Pflanzenschutzmittel. Die ausgebrachte Menge in Tonnen sagt kaum etwas aus über die Umweltbelastung. Unter den für die Luftapplikation zugelassen PSM befinden sich zahlreiche sehr schädliche Mittel.

<a href="http://www.agrarbericht.ch/de" target="_blank">Agrarbericht 2016</a>, Bundesamt für Landwirtschaft.

Agrarbericht 2016, Bundesamt für Landwirtschaft.

Heidi ist keine Spezialistin im Berechnen von Direktzahlungen, aber folgende Beiträge dürften für den Rebbau zutreffen: Versorgungssicherheitsbeiträge/Basisbeitrag 860 Franken pro Hektare und Jahr plus Beitrag für Dauerkulturen 400 Franken; plus Hangbeitrag für Rebflächen 30 bis 50% Neigung 1’500, bei 50% Neigung 3’000 Franken oder Terrassenlagen mit mehr als 30% Neigung 5’000 Franken pro Hektare und Jahr. Direktzahlungsverordnung.
Was hat Wein mit Versorgungssicherheit zu tun? Hat der Bund zu viel Geld?

Unkontrolliertes Spritzen aus dem Helikopter

In Steillagen sei es schwierig zu spritzen, heisst es, weshalb das Ausbringen von Pflanzenschutzmittel mit Helikopter in der Schweiz erlaubt ist. Terrassierte Flächen generieren hier Direktzahlungen von mehr als 6’000 Franken pro Hektare und Jahr.

Doch gespritzt wird aus dem Helikopter nicht nur in Steillagen, das weiss Heidi von Augenzeugen. Ein Leser wurde gar auf einem Campingplatz im Wallis mit Pflanzenschutzmitteln aus der Luft besprüht. Medienberichten ist zu entnehmen, dass man es mit den Pufferstreifen nicht so genau nimmt oder – im Klartext – auch Gewässer, Hecken und was da so unter dem Heli ist mitspritzt. In Zukunft sind zwar bessere Kontrollen vorgesehen, aber der Worte sind viele!

Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) hat im Rahmen der Vernehmlassung zu den Helikopter-Sprühflügen eine nicht abschliessende Liste der für 30 m bzw. 60 m Distanz zu Gebäuden, öffentlichen Areale und privaten Wohnzonen zugelassenen PSM erstellt. Heidi hat sie durchleuchtet und einige Eigenschaften in einer Liste zusammengestellt, Stand 16.3.16: Pflanzenschutzmittel in der Luftapplikation 30 m/60 m.

Pflanzenschutzmittel-Sprühflüge: Massive Lockerung der Abstandsvorschriften zementiert, Heidis Mist 16.9.16.

4.2.17 HOME

Demokratie, Schattengelder, Lobbying – fern und nah!

4. Februar 2017

Soeben eingetroffen ein Artikel von George Monbiot. Am Schluss steht eine Warnung, die auch für die Schweiz wichtig ist:

In April 1938, President Franklin Roosevelt sent the US Congress the following warning. “The liberty of a democracy is not safe if the people tolerate the growth of private power to a point where it becomes stronger than their democratic state itself. That, in its essence, is fascism.” It is a warning we would do well to remember.

Dark Arts, How a dark money network is taking power on both sides of the Atlantic. George Monbiot, the Guardian, 3.2.17.

4.2.17 HOME

Skiferien mit Mist

2. Februar 2017
Verregneter Mist. Copyright: Fränzi

Verregneter Mist. Copyright: Fränzi

Liebe Heidi

Wir machten einen Ausflug nach Chur. Das Wetter! Auf dem Weg sahen wir ein paar Misthaufen. Beiliegend ein Foto, mässige Qualität, da ich falsch eingestellt hatte. An den Rändern sieht man Mistwasser herausfliessen. Claudia fand das Foto gut. Und du?

Viele Grüsse aus dem schönen Bündnerland ins Bündnerland.

Fränzi

2.2.17 HOME

Das Grosse Moos: Gemüsegarten, vierter internationaler Flughafen oder was?

31. Januar 2017
Ist Gemüsebau im Grossen Moos standortgerecht?

Ist Gemüsebau im Grossen Moos standortgerecht?

Ein ETH-Professor stand Anfang der 1980er Jahre vor einem Rest-Moorboden. Der Grossteil der fruchtbaren Erde war verschwunden, hatte sich im Laufe der Jahre in Luft bzw. schädliches Klimagas aufgelöst. Er sagte: „Im Grossen Moos dürfte man nicht pflügen, nur Wiesenbau betreiben.

Die Moorböden werden weiterhin intensiv genutzt, und das Grosse Moos ist der Gemüsegarten der Schweiz. Einmal mehr ist das Problem Mediengespräch. Der Moorboden war Boden des Jahres 2015. Heidi hatte darüber berichtet, mit weitergehenden Links wie Wenn sich der Boden in Luft auflöst, siehe Boden: Gut gibt’s den König von Thailand. Aktuelle Beiträge zum Thema:

Torfböden: Anbau auf Kosten von Steuerzahlern und Natur, SRF, 30.1.17.

Die Trockenlegung der Moore, SRF, 30.1.17.

Stand der Drainagen in der Schweiz, Bilanz der Umfrage 2008, Bundesamt für Landwirtschaft.

Das Grosse Moos: Wie es einmal war und was daraus wurde

Die Geschichte des Grossen Mooses erzählte Hanspeter Bundi in den 1980er Jahren in der Zeitschrift „du“. Sie ist stimmungsvoll, aufschlussreich und gleichzeitig ein Weckruf. Dieser verhallte aber ungehört. In diesem lehrreichen Artikel erfährt man auch, dass es Pläne gab, im Grossen Moos einen vierten internationalen Flughafen zu bauen.

Heidi wiederholt hier für die eiligen LeserInnen den letzten Absatz:
„Das Grosse Moos als Bild für die Schweiz? Als Bild für die Welt? Seltsame Zusammenhänge: Da zähmt der Mensch mit viel Sachverstand und Fleiss ein Stück Natur. Er lässt ein wildes, urwüchsige Stück Erde verarmen und tauscht es gegen fruchtbare Felder und materiellen Wohlstand. Jetzt, wo der Mensch am Ziel seiner Wünsche angelangt ist, schwindet ihm der Boden unter den Füssen buchstäblich weg.“ Das schrieb Bundi vor vier Jahrzehnten!

Bis zum 19.3.17 zeigt das Landesmuseum eine Ausstellung über „du“: du – seit 1941.

Das Grosse Moos

von Hanspeter Bundi

Tümpel, Auenwälder, Sumpfgebiete, kleine und grosse Gehölze, auch Eichen, silberglänzendes Riedgras und dazwischen die Mäander und die Ausläufer der Aare, die sich immer wieder neue Wege sucht. Sandbänke, Altwasser, ausgetrocknete Flussläufe. Bis weit ins letzte Jahrhundert hinein war die grosse Ebene zwischen dem Bieler-, dem Neuenburger- und dem Murtensee eine vielfältige, fast unberührte Landschaft über der nachts die Irrlichter flackerten. Das Leben in den Dörfern um das Grosse Moos herum war hart. Die Leute waren arm, assen wenig und schlecht, tranken viel. Sie seien dürr und würden schnell alt, schreibt ein Chronist aus jener Zeit. Dort, wo es möglich war, nutzten sie das Grosse Moos als Weideland, aber das Gras war oft so schlecht, dass die Tiere krank wurden, und das Heu konnte man nur als Streue verwenden. 1764 schreibt Pfarrer Niklaus Lombach über das Dorf Gampelen: „Alles Land ist hier gebaut, was nur immer gebaut werden kann, dem Moos allein hat man bisher keinen Rat finden können.“

An Plänen fehlte es nicht. Nach jeder Überschwemmung, nach jedem Seuchenzug wurden Ideen aufgeworfen und Projekte ausgearbeitet, aber es dauerte lange, bis man eine Lösung fand für das Grosse Moos.

Mit Bundeshilfe wurde in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts schliesslich die Aare gezähmt, indem man sie bei Aarberg in einen Kanal fasste und in den Bielersee leitete, damit sie dort ihre Geschiebe deponiere. Mit dem Nidau-Büren-Kanal wurde für den Bielersee ein künstlicher Abfluss geschaffen, der bei Büren wieder ins ursprüngliche Aarebecken mündet. Kanäle zwischen den drei Seen machten das Werk vollständig. Das Resultat entsprach den Erwartungen der Ingenieure. Die Zahl der Überschwemmungen ging zurück, die Spiegel der Seen und damit auch die Grundwasserspiegel des umliegenden Landes senkten sich. Die erste Juragewässerkorrektion war ein Erfolg.

Damit war die Grundlage für eine bessere Nutzung des Grossen Moos geschaffen. Es wurde – nach jahrelangem Gerangel um Zuständigkeit und Finanzen – ausgedehnte Drainagesysteme gebaut. Das Grosse Moos wurde entwässert, vermessen, gerodet und unter den Pflug genommen, und bald einmal prägten Weizen-, Rüben- und Kartoffelfelder das Bild. Doch der Boden hielt diesem ersten Ansturm einer intensiven Landwirtschaft nicht stand. Die ehemals wasserhaltige Mooserde sackte zusammen, der Boden senkte sich um ein bis zwei Meter. Die Kulturen wurden wieder häufiger überschwemmt, und die Bauern gerieten erneut in Schwierigkeiten.

Im Verlauf der zweiten Juragewässerkorrektion (1962-73) wurden neue, tieferliegende Drainagesysteme gebaut. Das Grosse Moos erhielt sein heutiges Gesicht.

Schnurgerade gezogene Kanäle, Strassen und Flurwege legen einen groben Raster über das Land. Senkrecht dazu verlaufen die Grundstücksgrenzen. Die Bauern legen ihre Kulturen in langen, genau abgegrenzten Streifen über das Land. Die Furchen der Pflüge sind wie mit dem Lineal gezogen, Weizen, Gras, Klee und Mais wachsen in dichten Reihen, und die Salatköpfe, Lauchstengel, die Karotten und die Kohlköpfe sind wie militärisch in Glied und Kolonne ausgerichtet. Damit man rationeller wirtschaften kann, wurden Hecken zerstört und Bäume gefällt. Da ist kein Platz für Mischkulturen. Aus dem Grossen Moos, einer ehemals unberührten Naturlandschaft mit unzähligen Pflanzenarten, ist ein geometrisch angelegter, langweiliger Gemüsegarten geworden, der im Winter kahl und im Frühling unter Plastik liegt. Denn es heisst der nationalen und internationalen Konkurrenz die Stirn zu bieten und das Gemüse möglichst früh im Jahr zu ernten. Im Herbst dann legt sich tröstlich der Nebel über das Grosse Moos. Die geraden Linien wirken dann weniger streng und die Gemüsereihen sind in Pastellfarben getaucht. Der Traktor des Bauern verschwindet in der Nebelwand, und zurück bleiben dunkle Furchen. In der frischgepflügten Erde suchen die Möwen nach Würmern.

Vor einigen Jahren noch hatten ehrgeizige Politiker und Planer Grosses im Sinn mit dem Grossen Moos. Nach Kloten, Genf-Cointrin und Basel-Mühlhausen sollte hier der vierte internationale Flughafen der Schweiz gebaut werden. Die hochfliegenden Pläne sind aber wohl endgültig begraben worden. Für einmal hatte die Vernunft gesiegt. Niemand will heute in der Schweiz, wo pro Sekunde ein Quadratmeter Kulturland verlorengeht, auf den Gemüsegarten zwischen den drei Seen verzichten, am allerwenigsten die Bauern von Ins, Fräschels, Gampelen und wie die Dörfer alle heissen. Es herrscht kein materielles Elend mehr. Den Bauern, den „Gemüslern“ mit ihren meist kleinen Betrieben geht es zwar nicht glänzend, aber sie haben es doch zu etwas gebracht. In den letzten 30 Jahren sind die Flächenerträge verdoppelt worden. Die gigantische Landwirtschaftsmaschinen gehören fest zum Erscheinungsbild des Grossen Moos, und wo die Bauern nicht nachmögen mit der Arbeit, helfen Saisonarbeiter aus Portugal.

Der bescheidene Wohlstand steht jedoch auf unsicherem Grund. Weil durch die intensive Bearbeitung immer wieder Luft in den organischen Boden gelangte, bauen Bakterien den Humus schnell ab. Der Boden senkt sich erneut. Flurstrassen, Schächte und die Fundamente von Leitungsmasten, die vor 40 Jahren bodeneben mit den Äckern auf den Lahmgrund gesetzt worden sind, stehen jetzt bis zu einem Meter höher als die umliegenden Felder, und da und dort kommt beim Pflügen der Lehm hoch. Nur eine radikale Umstellung auf Milch- und Weidewirtschaft könnte den Bodenschwund noch aufhalten, aber dies ist nicht möglich, denn die Betriebe sind zu klein dafür. So wird es in 100 oder 200 Jahren im Grossen Moos keine schwarze Erde mehr geben. Alte Männer werden ihren Enkelkindern erzählen, wie es war, damals, als die Erde so locker war, dass sie einem wie Sand durch die Finger rieselte.

Das Grosse Moos als Bild für die Schweiz? Als Bild für die Welt? Seltsame Zusammenhänge: Da zähmt der Mensch mit viel Sachverstand und Fleiss ein Stück Natur. Er lässt ein wildes, urwüchsige Stück Erde verarmen und tauscht es gegen fruchtbare Felder und materiellen Wohlstand. Jetzt, wo der Mensch am Ziel seiner Wünsche angelangt ist, schwindet ihm der Boden unter den Füssen buchstäblich weg.

31.1.17 HOME

Manifest für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide

29. Januar 2017
Bild aus dem Dokumentarfilm "Révolution silencieuse" von Lila Ribi.

Bild aus dem Dokumentarfilm „Révolution silencieuse“ von Lila Ribi.

Eine SMS an die Mitglieder des Trentiner Apfelkonsortiums Melinda sorgte am 24.5.16 für Aufregung. Darin wurden die Obstbauern gebeten, zwischen 14 und 17 Uhr sämtliche Pestizid-Zerstäubungsanlagen ausgeschalten zu lassen. Der Grund: die 16. Etappe des Giro d’Italia von Brixen nach Andalo. Fahrer samt Teams, Journalisten, Schaulistige und Fernsehzuseher sollten verschont bleiben von unschönen Sprühnebel-Bildern und etwaigen Abdriften. Der lombardische Kammerabgeordnete Mirko Busto: Se fa male al Giro, fa male a tutti!

Paradigmenwechsel: Schweiz als Pionier

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Weiter wie bisher ist keine Option, das meinen nicht nur die Trentiner. Jetzt haben Caspar Bijleveld, Direktor des Papilioramas,  und der Bio Gemüsebauer Manfred Wolf ein Manifest Future 3 initiiert, welches bereits einige Leute unterschrieben haben: Manifest der Schweizerinnen und Schweizer, welche die Initiative „Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide“ unterstützen.

Die Schweiz, welche in vielen Bereichen in der Spitzentechnologie vertreten sei, habe die einzigartige Möglichkeit, Vorreiter für den Gebrauch von Alternativen zu den synthetischen Pestiziden zu werden (biologische Mittel, Robotik usw.). Auch habe die Schweiz die politischen Möglichkeiten, einen Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft herbeizuführen.

Volksinitiative unterschreiben

Zitat aus dem Manifest, das acht Punkte enthält: „Wir möchten hiermit die Schweizerinnen und Schweizer dazu aufrufen, die Initiative für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide zu unterschreiben …“ Die Initianten setzen sich für die Zukunft unseres Landes und unseres Planeten ein.
Volksinitiative unterschreiben.

Crowdfunding für die Volksinitiative

Innert 18 Monaten muss das Initiativkomitee 100’000 Unterschriften sammeln. Die ersten Ergebnisse und Kontakte seien sehr erfreulich. Für die Umsetzung des Projekts „und um gemeinsam einen Paradigmenwechsel erleben zu können, sind wir auf eure Unterstützung angewiesen.“ Die unpolitische Bürgerbewegung bittet um Unterstützung, sowohl logistische als auch finanzielle. Jeder Franken zählt: Spenden ab fünf Franken.

Crowdfunding Volksinitiative für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide.

Révolution silencieuse

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Lila Ribi hat einen Dokumentarfilm über Cédric Chezeaux gedreht, ein Waadtländer Bauer, der auf naturnahen Landbau umgestellt hat. „Révolution silencieuse“ ist in der Westschweiz zu sehen seit 15.1.17, siehe Programm.

REVOLUTION SILENCIEUSE de Lila Ribi BANDE ANNONCE OFFICIELLE, youtube

„Révolution silencieuse“, la quête de sens d’un paysan vaudois, RTS.

„Révolution silencieuse“ an den Solothurner Filmtagen: „Der bodenständige Bauer Cédric beschliesst, sein Leben radikal zu ändern, und setzt damit die Lebensgrundlage seiner Familie aufs Spiel. Er hat den Mut, seine Überzeugungen im Alltag zu leben und intuitive, erstaunliche Methoden auszuprobieren, die von den herkömmlichen landwirtschaftlichen Verfahren weit entfernt sind. Damit macht er sich selbst zum Aussenseiter in der Dorfgemeinschaft und in seinem näheren Umfeld. Seine «kleine Geschichte» widerspiegelt die «grosse Geschichte»; die der brutalen Realität der Nahrungsmittelindustrie und des enormen Drucks, den sie auf die Bauern ausübt.

L’affranchi récolte la liberté qu’il a semée, 24 heures, 7.2.17.

29.1.17 HOME


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